Die Hände zittern leicht, als Frau Müller ihren Mann zum ersten Mal allein vom Bett in den Rollstuhl setzen soll. Seit dem Sturz auf der Treppe vor drei Wochen ist er pflegebedürftig. In der Klinik hat eine Pflegekraft alles gezeigt, doch jetzt, zu Hause, fehlt das sichere Gefühl. Sie fürchtet, ihm wehzutun, fürchtet, selbst den Rücken zu verletzen, und fürchtet vor allem, der neuen Aufgabe nicht gewachsen zu sein.
So wie Frau Müller geht es vielen. Laut Statistischem Bundesamt wurden Ende 2023 rund 4,9 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt, die meisten von Angehörigen ohne pflegerische Ausbildung. Für genau diese Menschen gibt es den Pflegekurs für Angehörige nach § 45 SGB XI: kostenlos, praxisnah und auf Wunsch sogar in der eigenen Wohnung. Dieser Ratgeber erklärt, wer teilnehmen kann, was Sie lernen, welche Formate es gibt, wie die Anmeldung funktioniert und warum der Kurs auch für die Nachbarschaftshilfe wichtig ist.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Pflegekassen müssen nach § 45 SGB XI unentgeltlich Schulungskurse für Angehörige und ehrenamtlich Pflegende anbieten.
- Ein Pflegegrad ist keine Voraussetzung. Das Gesetz richtet sich an Angehörige und alle, die sich für eine ehrenamtliche Pflegetätigkeit interessieren.
- Es gibt drei Formate: Gruppenkurse vor Ort, digitale Pflegekurse und die individuelle Schulung zu Hause, die auf Wunsch von Pflegeperson und pflegebedürftiger Person stattfindet.
- Typische Inhalte: rückenschonendes Bewegen, Körperpflege, Lagerung, Ernährung, Umgang mit Demenz, Leistungen der Pflegeversicherung und Selbstfürsorge.
- Sie erhalten meist eine Teilnahmebescheinigung. In mehreren Bundesländern gilt ein Pflegekurs als Qualifikation für die über den Entlastungsbetrag abrechenbare Nachbarschaftshilfe.
- Ansprechpartner ist die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person; es muss nicht Ihre eigene Kasse sein.
Was ist ein Pflegekurs nach § 45 SGB XI?
Der Pflegekurs ist eine gesetzliche Leistung der Pflegeversicherung. In § 45 SGB XI heißt es, dass die Pflegekassen „für Angehörige und sonstige an einer ehrenamtlichen Pflegetätigkeit interessierte Personen unentgeltlich Schulungskurse durchzuführen“ haben. Der Gesetzgeber verfolgt damit drei Ziele:
- soziales Engagement im Bereich der Pflege fördern und stärken,
- Pflege und Betreuung erleichtern und verbessern,
- pflegebedingte körperliche und seelische Belastungen mindern und ihnen vorbeugen.
Die Kurse sollen Fertigkeiten für eine eigenständige Durchführung der Pflege vermitteln. Die Pflegekassen können die Kurse selbst anbieten, gemeinsam mit anderen Kassen organisieren oder geeignete Einrichtungen beauftragen, etwa Wohlfahrtsverbände, Bildungsträger, ambulante Pflegedienste oder Krankenhäuser. Den Gesetzestext finden Sie auf gesetze-im-internet.de.
Die Unterscheidung in Grundkurs und Aufbaukurs steht nicht im Gesetz, hat sich aber in der Praxis etabliert. Grundkurse vermitteln Basiswissen für den Einstieg, Aufbau- oder Spezialkurse vertiefen einzelne Themen wie Demenz, Palliativpflege oder die Versorgung nach einem Schlaganfall. Umfang und Aufbau legen die Pflegekassen und die Kursträger fest; die Landesverbände der Pflegekassen können dafür Rahmenvereinbarungen schließen.
Wer hat Anspruch auf einen kostenlosen Pflegekurs?
Der Kreis der Berechtigten ist bewusst weit gefasst. Teilnehmen können:
- pflegende Angehörige wie Ehe- und Lebenspartner, Kinder, Schwiegerkinder, Enkel oder Geschwister,
- Freunde, Nachbarn und andere Personen, die ehrenamtlich pflegen oder pflegen möchten,
- Menschen, die sich auf eine absehbare Pflegesituation vorbereiten wollen.
Ein Pflegegrad ist nicht erforderlich. Das Gesetz knüpft den Pflegekurs weder an einen Pflegegrad noch an einen laufenden Antrag. Gerade in der Wartezeit auf den Bescheid lohnt sich die Teilnahme; wie Sie diese Phase insgesamt überbrücken, zeigt der Ratgeber Pflege sofort organisieren, auch ohne Pflegegrad. Einzelne Pflegekassen können für bestimmte Angebote, etwa die individuelle Schulung zu Hause, einen Bezug zu einer konkreten Pflegesituation erwarten. Fragen Sie im Zweifel direkt nach.
Mehrere Angehörige derselben pflegebedürftigen Person können teilnehmen. Das ist sinnvoll, wenn sich Geschwister oder Partner die Pflege teilen, denn dann arbeiten alle nach denselben Techniken.
Das lernen Sie im Pflegekurs für Angehörige
Ziel des Kurses ist nicht die Ausbildung zur Pflegefachkraft, sondern Sicherheit im häuslichen Alltag. Die Inhalte unterscheiden sich je nach Anbieter, folgende Bausteine sind aber typisch:
| Themenbereich | Typische Inhalte | Vertiefung auf PflegeHeimat24 |
|---|---|---|
| Rückenschonendes Bewegen | Transfer vom Bett in den Rollstuhl, Hochrutschen im Bett, Aufstehen mit Hilfe, Nutzung von Rutschbrett und Transfergurt | Aktivierende Pflege |
| Körperpflege | Waschen im Bett, Mund- und Zahnprothesenpflege, Hautpflege, An- und Auskleiden | Grundpflege |
| Lagerung und Prophylaxen | Druckgeschwüre (Dekubitus), Stürze, Lungenentzündung und Thrombosen vorbeugen | Pflege bei Bettlägerigkeit |
| Ernährung und Trinken | Unterstützung beim Essen, Schluckstörungen, Trinkmengen, Mangelernährung erkennen | Kein Appetit im Alter |
| Inkontinenz | Umgang mit Hilfsmitteln, Hautschutz, Toilettentraining | Inkontinenz-Hilfsmittel |
| Demenz | Kommunikation, Validation, herausforderndes Verhalten, Tagesstruktur | Kommunikation mit Demenzkranken |
| Leistungen und Organisation | Pflegegrad, Pflegegeld, Entlastungsbetrag, Hilfsmittel, Wohnraumanpassung | Pflegegrad beantragen |
| Selbstfürsorge | Grenzen erkennen, Entlastungsangebote, Umgang mit Schuldgefühlen | Pflege-Burnout |
Wichtig ist die Abgrenzung zur Behandlungspflege: Injektionen, Wundversorgung oder Katheterwechsel werden im Pflegekurs allenfalls erklärt. Sie sind ärztlich zu verordnen und werden in der Regel von einem ambulanten Pflegedienst übernommen, den die Krankenkasse bezahlt. Mehr dazu im Ratgeber Behandlungspflege.
Drei Formate: vor Ort, online oder zu Hause
Gruppenkurs vor Ort
Der klassische Pflegekurs findet in Gruppen statt, oft verteilt auf mehrere Abende oder Samstage. Sein größter Vorteil ist das praktische Üben: Handgriffe beim Umsetzen oder Lagern lassen sich am besten unter Anleitung einer Pflegefachkraft ausprobieren, am Pflegebett und mit anderen Teilnehmenden als Übungspartnern. Hinzu kommt der Austausch mit Menschen in derselben Lage, der viele Angehörige spürbar entlastet.
Pflegekurs online
Seit einer Gesetzesänderung sollen die Pflegekassen ausdrücklich auch digitale Pflegekurse anbieten; die Pflicht zu Kursen vor Ort bleibt davon unberührt. Online-Pflegekurse gibt es als Live-Seminare per Video oder als Lernplattform mit Videos, Texten und Übungen, die Sie in Ihrem eigenen Tempo durcharbeiten. Viele große Kassen wie AOK, Barmer oder TK bieten solche Kurse kostenlos an, teils auch für Versicherte anderer Kassen. Für privat Versicherte gibt es entsprechende Angebote über die Pflegeberatung der privaten Pflegeversicherung. Online-Kurse sind ideal für Berufstätige und für Angehörige in ländlichen Regionen. Handgriffe wie das Umsetzen lassen sich am Bildschirm aber nur begrenzt üben; eine ergänzende Schulung zu Hause kann das ausgleichen.
Individuelle Schulung zu Hause
Das Gesetz sieht ausdrücklich vor, dass die Schulung auf Wunsch der Pflegeperson und der pflegebedürftigen Person auch in der häuslichen Umgebung stattfindet. Eine Pflegefachkraft kommt dann in die Wohnung und zeigt die Techniken direkt am Pflegebett, im eigenen Bad und mit den vorhandenen Hilfsmitteln. Dieses Format ist besonders wertvoll nach einer Krankenhausentlassung, bei schwerer Pflegebedürftigkeit oder bei ungünstigen räumlichen Verhältnissen. Viele Angehörige kennen diese Möglichkeit nicht; fragen Sie bei der Pflegekasse gezielt nach einer „häuslichen Schulung nach § 45 SGB XI“.
| Format | Vorteile | Nachteile | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| Gruppenkurs vor Ort | Praktisches Üben, Austausch mit anderen | Feste Termine, Anfahrt, Ersatzbetreuung nötig | Einsteiger, die Kontakt zu anderen suchen |
| Pflegekurs online | Zeitlich flexibel, keine Anfahrt | Praktische Übungen nur begrenzt möglich | Berufstätige, ländliche Regionen, Wissensauffrischung |
| Häusliche Schulung | Individuell, mit eigenen Hilfsmitteln und Räumen | Kein Austausch mit anderen Angehörigen | Komplexe Pflegesituationen, nach Entlassung |
Pflegekurs und Nachbarschaftshilfe
Ein Grund, warum viele Menschen nach einem Pflegekurs suchen, ist die Nachbarschaftshilfe. In vielen Bundesländern können Nachbarn, Freunde oder Bekannte ihre Unterstützung im Alltag über den Entlastungsbetrag von 131 € im Monat abrechnen lassen. Voraussetzung ist eine Anerkennung nach Landesrecht, die häufig einen Kurs verlangt. Die Regeln unterscheiden sich stark:
- In Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wird ein Pflegekurs der Pflegekassen als Qualifikation genannt, teils ergänzt um eine kurze Informationsveranstaltung oder als eine von mehreren Möglichkeiten.
- Andere Länder wie Sachsen oder Thüringen verlangen einen eigens für die Nachbarschaftshilfe anerkannten Kurs.
- In einigen Ländern gibt es keine Nachbarschaftshilfe im Sinne des Entlastungsbetrags.
Eine aktuelle Übersicht aller Bundesländer bietet die Techniker Krankenkasse. Prüfen Sie vor der Anmeldung, ob der gewählte Kurs in Ihrem Bundesland für die Nachbarschaftshilfe anerkannt wird, und bewahren Sie die Teilnahmebescheinigung gut auf.
Kosten, Bescheinigung und Freistellung
Kosten: Der Pflegekurs ist für Sie kostenlos. Die Pflegekasse rechnet direkt mit dem Kursträger ab; Sie müssen nichts vorstrecken. Das gilt für Gruppenkurse, digitale Kurse und die häusliche Schulung. Ob Fahrtkosten erstattet werden, regeln die Kassen unterschiedlich. Fragen Sie im Zweifel vorher nach.
Zertifikat: Nach dem Kurs erhalten Sie in der Regel eine Teilnahmebescheinigung. Sie ist kein Berufsabschluss und berechtigt nicht zur gewerblichen Pflege. Sie dient aber als Nachweis, etwa für die Anerkennung als Nachbarschaftshelfer oder gegenüber dem Arbeitgeber. Wer gezielt nach einem „Pflegekurs mit Zertifikat“ sucht, sollte beim Anbieter nachfragen, ob und in welcher Form eine Bescheinigung ausgestellt wird.
Freistellung: Einen gesetzlichen Anspruch auf bezahlte Freistellung speziell für einen Pflegekurs gibt es nicht. Die kurzzeitige Arbeitsverhinderung mit Pflegeunterstützungsgeld ist für akut eingetretene Pflegesituationen gedacht, in denen die Versorgung organisiert werden muss, nicht für geplante Kurse. Für Berufstätige sind deshalb Abendkurse, Wochenendkurse, digitale Angebote oder die häusliche Schulung außerhalb der Arbeitszeit meist die beste Lösung. Manche Arbeitgeber zeigen sich zudem kulant; fragen Sie nach. Längerfristige Modelle wie die Familienpflegezeit erklären eigene Ratgeber.
Ersatzbetreuung: Muss Ihr Angehöriger während des Kurses versorgt werden, kommen ab Pflegegrad 2 die Verhinderungspflege aus dem gemeinsamen Jahresbetrag von bis zu 3.539 € sowie ab Pflegegrad 1 der Entlastungsbetrag für anerkannte Betreuungsangebote in Frage. Die Verhinderungspflege ist auch stundenweise möglich.
Anmeldung: So kommen Sie zu Ihrem Pflegekurs
Schritt 1: Pflegekasse kontaktieren. Zuständig ist die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person, also die Kasse bei ihrer Krankenkasse. Fragen Sie nach Pflegekursen nach § 45 SGB XI in Ihrer Region, nach digitalen Angeboten und nach einer häuslichen Schulung. Viele Kassen haben dafür eigene Onlinebereiche.
Schritt 2: Pflegeberatung mitnutzen. Beantragt Ihr Angehöriger Leistungen der Pflegeversicherung, steht ihm eine kostenlose Pflegeberatung nach § 7a SGB XI zu. Die Beraterin kennt die Kursangebote vor Ort und kann auch einen Pflegegrad-Antrag oder den Bezug von Pflegehilfsmitteln gleich mit besprechen. Pflegestützpunkte vor Ort finden Sie über die Beratungsdatenbank des ZQP.
Schritt 3: Anbieter auswählen. Achten Sie auf Dozentinnen und Dozenten mit Pflegeausbildung, kleine Gruppen, praktische Übungsanteile und Themen, die zu Ihrer Situation passen, zum Beispiel Demenz oder Schlaganfall. Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter oder Malteser bieten vielerorts Kurse im Auftrag der Pflegekassen an.
Schritt 4: Anmelden und Kostenübernahme klären. In der Regel melden Sie sich direkt beim Kursträger an; die Abrechnung mit der Pflegekasse übernimmt der Anbieter. Klären Sie bei Kursen außerhalb Ihrer Region oder bei Anbietern anderer Kassen vorab, ob die Kosten übernommen werden.
Schritt 5: Versorgung für die Kurszeit planen. Organisieren Sie rechtzeitig Familie, Nachbarn, einen Pflegedienst oder Verhinderungspflege. Legen Sie Ihren Notfallordner für die Vertretung bereit.
Schritt 6: Wissen anwenden und auffrischen. Setzen Sie das Gelernte schrittweise um und nutzen Sie bei neuen Herausforderungen, etwa wenn eine Demenz fortschreitet oder Bettlägerigkeit eintritt, einen weiteren Spezialkurs oder eine häusliche Schulung.
Praxisbeispiele: So hilft der Pflegekurs im Alltag
Namen und Details sind verändert.
Beispiel 1: Rückenschonend umsetzen nach Schlaganfall
Herr Weber, 74 Jahre, versorgt seine Frau, die nach einem Schlaganfall Pflegegrad 3 erhalten hat. Mehrmals täglich hebt er sie vom Bett in den Rollstuhl und hat zunehmend Rückenschmerzen. Eine Pflegefachkraft kommt im Rahmen der häuslichen Schulung zu ihm nach Hause und zeigt ihm, wie er mit Rutschbrett und der richtigen Schrittfolge umsetzt, sodass seine Frau aktiv mithilft. Der Transfer gelingt seitdem mit deutlich weniger Kraft. Wie Angehörige die ersten Wochen nach einem Schlaganfall organisieren, erklärt der Ratgeber Pflegebedürftig nach Schlaganfall.
Beispiel 2: Demenz verstehen statt dagegen ankämpfen
Frau Schmidt, 58 Jahre, pflegt ihre Mutter mit Alzheimer-Demenz. Die Mutter verweigert ihre Tabletten und besteht darauf, gar nicht krank zu sein. Jede Diskussion endet im Streit. Im Demenz-Kurs ihrer Pflegekasse lernt Frau Schmidt, dass Widerspruch das Verhalten eher verstärkt, und übt Gesprächstechniken aus der Validation nach Naomi Feil: Gefühle aufgreifen, statt Fakten richtigzustellen, und den Moment für die Tabletten besser wählen. Die Konflikte werden deutlich seltener. Weitere Tipps gibt der Ratgeber Pflege bei Demenz.
Beispiel 3: Online-Kurs auf dem Land
Die Familie Köhler lebt im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern, der nächste Präsenzkurs findet 80 Kilometer entfernt statt. Tochter Anke arbeitet halbtags und versorgt abends ihren Vater mit fortgeschrittenem Parkinson. Sie absolviert den kostenlosen Online-Pflegekurs ihrer Pflegekasse in mehreren Abendeinheiten. Für die praktischen Handgriffe vereinbart sie zusätzlich eine häusliche Schulung. So lernt sie Theorie flexibel und Praxis direkt am Bett ihres Vaters. Mehr zur Einstufung bei Parkinson zeigt der Ratgeber Pflegegrad bei Parkinson.
Beispiel 4: Geschwister teilen sich die Pflege
Die Geschwister Maier versorgen gemeinsam ihren Vater, der an ALS erkrankt ist und inzwischen Pflegegrad 5 hat. Beide besuchen nacheinander denselben Grundkurs, damit Lagerung und Transfer nach einheitlichen Standards erfolgen. Während der Kurstermine übernimmt ein ambulanter Pflegedienst stundenweise im Rahmen der Verhinderungspflege. Die Beatmung wird im Rahmen der außerklinischen Intensivpflege nach § 37c SGB V von einem spezialisierten Pflegedienst übernommen, nicht von den Angehörigen allein.
Fünf verbreitete Irrtümer
„Ich brauche das nicht, ich kenne meinen Angehörigen am besten.“ Niemand kennt Vorlieben und Gewohnheiten besser als Sie. Pflege ist aber auch Technik: Falsches Heben kann Ihren Rücken schädigen, falsche Lagerung ein Druckgeschwür begünstigen. Schon wenige Handgriffe machen einen großen Unterschied.
„Erst muss der Pflegegrad feststehen.“ Falsch. § 45 SGB XI setzt keinen Pflegegrad voraus. Sie können sich schon während des Antragsverfahrens oder vorsorglich schulen lassen.
„Nur eine Person pro Familie darf teilnehmen.“ Auch das stimmt nicht. Der Kurs richtet sich an alle Angehörigen und ehrenamtlich Pflegenden. Wenn mehrere Familienmitglieder pflegen, sollten auch mehrere teilnehmen.
„Online-Kurse zählen nicht.“ Die Pflegekassen sollen laut Gesetz ausdrücklich auch digitale Pflegekurse anbieten. Ob ein bestimmter Kurs für Zwecke wie die Nachbarschaftshilfe anerkannt ist, hängt allerdings vom jeweiligen Bundesland ab.
„Das ist nur graue Theorie.“ Gute Kurse arbeiten praktisch: Üben am Pflegebett, Rollenspiele, Fallbeispiele aus der Gruppe. Wer maximal praxisnah lernen will, wählt die häusliche Schulung.
Pflegekurs als Baustein der häuslichen Versorgung
Der Pflegekurs ist ein wichtiger Baustein, ersetzt aber keine professionelle Unterstützung. Er hilft Ihnen einzuschätzen, welche Aufgaben Sie selbst sicher übernehmen können (Grundpflege) und wo ein Pflegedienst gefragt ist (Behandlungspflege). Zusammen mit Pflegeberatung, Pflegehilfsmitteln, einer Wohnungsanpassung und Entlastungsleistungen entsteht ein tragfähiges Netz.
Wenn trotz Schulung die Nächte zu kurz und die körperliche Belastung zu groß werden, kann eine 24-Stunden-Betreuung die Versorgung zu Hause dauerhaft sichern. Eine vermittelte Betreuungskraft lebt im Haushalt und unterstützt bei Grundpflege, Haushalt und Alltag, während die Familie die emotionale Nähe und die Organisation behält. Wie sich das finanzieren lässt, zeigt der Ratgeber Finanzierung der häuslichen Pflege.
Häufig gestellte Fragen zum Pflegekurs nach § 45 SGB XI
Ist der Pflegekurs für Angehörige wirklich kostenlos?
Ja. Nach § 45 SGB XI müssen die Pflegekassen die Kurse unentgeltlich anbieten. Die Kasse rechnet direkt mit dem Kursträger ab. Das gilt für Gruppenkurse vor Ort, digitale Kurse und die individuelle Schulung zu Hause.
Kann ich einen Pflegekurs ohne Pflegegrad besuchen?
Ja. Das Gesetz richtet sich an Angehörige und alle an einer ehrenamtlichen Pflegetätigkeit interessierten Personen und setzt keinen Pflegegrad voraus. Sie können den Kurs auch während des Antragsverfahrens oder vorsorglich besuchen.
Wer darf am Pflegekurs teilnehmen?
Pflegende Angehörige aller Verwandtschaftsgrade, Lebenspartner, Freunde, Nachbarn und alle, die sich ehrenamtlich in der Pflege engagieren möchten. Mehrere Personen, die denselben Menschen pflegen, können unabhängig voneinander teilnehmen.
Gibt es den Pflegekurs auch online?
Ja. Die Pflegekassen sollen laut § 45 SGB XI auch digitale Pflegekurse anbieten. Viele große Kassen stellen kostenlose Online-Kurse zur Verfügung, teils als Live-Seminar, teils als Lernplattform zum Selbstlernen. Die Pflicht zu Kursen vor Ort bleibt bestehen.
Was ist eine häusliche Schulung?
Auf Wunsch der Pflegeperson und der pflegebedürftigen Person findet die Schulung in deren Wohnung statt. Eine Pflegefachkraft zeigt die Techniken direkt am Bett, im Bad und mit den vorhandenen Hilfsmitteln. Das ist besonders hilfreich nach einer Krankenhausentlassung oder bei schwerer Pflegebedürftigkeit.
Bekomme ich ein Zertifikat?
In der Regel erhalten Sie eine Teilnahmebescheinigung. Sie ist kein Berufsabschluss, kann aber zum Beispiel für die Anerkennung als Nachbarschaftshelfer oder als Nachweis gegenüber dem Arbeitgeber dienen.
Reicht ein Pflegekurs für die Nachbarschaftshilfe?
Das hängt vom Bundesland ab. In Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wird ein Pflegekurs der Pflegekassen als Qualifikation genannt, teils mit Zusatzanforderungen. Andere Länder verlangen spezielle Kurse für die Nachbarschaftshilfe. Klären Sie das vorab mit der Pflegekasse.
Habe ich Anspruch auf Freistellung vom Job für den Kurs?
Einen gesetzlichen Anspruch auf bezahlte Freistellung speziell für den Pflegekurs gibt es nicht. Das Pflegeunterstützungsgeld ist für akute Pflegesituationen gedacht. Abend- und Wochenendkurse, digitale Kurse oder eine häusliche Schulung lassen sich meist gut mit dem Beruf verbinden.
Wer kümmert sich während des Kurses um meinen Angehörigen?
Ab Pflegegrad 2 können Sie Verhinderungspflege nutzen, auch stundenweise, finanziert aus dem gemeinsamen Jahresbetrag von bis zu 3.539 €. Ab Pflegegrad 1 lässt sich der Entlastungsbetrag von 131 € monatlich für anerkannte Betreuungsangebote einsetzen.
Wie oft kann ich einen Pflegekurs besuchen?
Das Gesetz legt keine feste Zahl fest. In der Praxis sind neben einem Grundkurs weitere Spezialkurse möglich, etwa zu Demenz oder Palliativpflege, oder eine erneute häusliche Schulung, wenn sich die Pflegesituation verändert. Klären Sie Details mit Ihrer Pflegekasse.
Muss der Kurs bei meiner eigenen Krankenkasse stattfinden?
Maßgeblich ist die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person. Viele Kurse und Online-Angebote stehen aber auch Versicherten anderer Kassen offen. Fragen Sie beim Anbieter nach, ob die Kosten übernommen werden.
Fazit: Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung
Der Pflegekurs für Angehörige nach § 45 SGB XI ist kostenlos, setzt keinen Pflegegrad voraus und ist als Gruppenkurs, online oder als Schulung zu Hause verfügbar. Schon wenige Stunden vermitteln Handgriffe, die den Rücken schonen, die Sicherheit Ihres Angehörigen erhöhen und Ihnen das Gefühl geben, der Aufgabe gewachsen zu sein. Gleichzeitig ist es wichtig, ehrlich zu bleiben: Nicht jede Pflegesituation lässt sich allein mit Schulung und gutem Willen zu Hause bewältigen. Wenn die Belastung zu groß wird, ist eine 24-Stunden-Betreuung keine Niederlage, sondern eine Möglichkeit, die Versorgung im eigenen Zuhause zu sichern und wieder mehr Familie als Pflegeperson zu sein.
Quellen und weiterführende Informationen
- Gesetze im Internet: § 45 SGB XI Pflegekurse für Angehörige und ehrenamtliche Pflegepersonen
- Techniker Krankenkasse: Nachbarschaftshilfe: Übersicht nach Bundesländern
- Zentrum für Qualität in der Pflege: Datenbank der Beratungsangebote
- Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2023
Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung. Kursangebote und Anerkennungsregeln unterscheiden sich je nach Pflegekasse und Bundesland. Alle Angaben entsprechen dem Stand September 2026 und können sich ändern.
