Beckenbodentraining bei Inkontinenz: Übungen & Anleitung

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Inhaltsübersicht

Unwillkürlicher Urinverlust beim Lachen, Husten oder Sport – für Millionen Menschen in Deutschland ist Inkontinenz eine belastende Realität, die den Alltag erheblich einschränkt. Viele Betroffene ziehen sich aus Scham zurück, meiden soziale Kontakte und verlieren zunehmend an Lebensqualität. Dabei gibt es eine wirksame, wissenschaftlich fundierte Methode, die in vielen Fällen deutliche Verbesserung bringt: gezieltes Beckenbodentraining bei Inkontinenz.

Der Beckenboden ist eine komplexe Muskelgruppe, die eine zentrale Rolle für die Kontinenz spielt. Wenn diese Muskeln geschwächt sind – etwa durch Schwangerschaften, Operationen, hormonelle Veränderungen oder zunehmendes Alter – kann es zu verschiedenen Formen der Inkontinenz kommen. Die gute Nachricht: Wie jeder andere Muskel lässt sich auch der Beckenboden trainieren und stärken.

Dieser umfassende Ratgeber zeigt Ihnen, wie Beckenbodentraining bei Inkontinenz funktioniert, welche Übungen besonders effektiv sind und wie Sie das Training erfolgreich in Ihren Alltag integrieren. Sie erfahren, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Wirksamkeit belegen, für wen das Training geeignet ist und wann professionelle Unterstützung sinnvoll wird. Dabei gehen wir sowohl auf Beckenbodentraining für Frauen bei Inkontinenz als auch auf spezifische Aspekte für Männer ein.

Unser Ziel ist es, Ihnen fundiertes Wissen und praktische Anleitungen an die Hand zu geben, damit Sie aktiv etwas gegen Ihre Inkontinenz unternehmen können. Denn ein gestärkter Beckenboden bedeutet nicht nur weniger Urinverlust, sondern auch mehr Selbstvertrauen, Bewegungsfreiheit und Lebensfreude.

Was ist der Beckenboden und warum ist er so wichtig?

Der Beckenboden ist eine mehrschichtige Muskelplatte, die den unteren Abschluss des Rumpfes bildet. Er erstreckt sich vom Schambein vorne bis zum Steißbein hinten und spannt sich zwischen den beiden Sitzbeinhöckern auf. Diese Muskelgruppe besteht aus drei übereinanderliegenden Schichten mit unterschiedlichen Funktionen:

Die äußere Schicht umschließt die Körperöffnungen (Harnröhre, Vagina bei Frauen, After) und ermöglicht deren willkürliche Kontrolle. Die mittlere Schicht stabilisiert das Becken und unterstützt die inneren Organe. Die innere Schicht, die tiefste und kräftigste, trägt die Hauptlast der Beckenorgane und arbeitet eng mit der Bauch- und Rückenmuskulatur zusammen.

Der Beckenboden erfüllt mehrere lebenswichtige Funktionen: Er trägt die Beckenorgane (Blase, Gebärmutter bei Frauen, Prostata bei Männern, Enddarm), verschließt Harnröhre und After, ermöglicht kontrolliertes Wasserlassen und Stuhlgang, stabilisiert die Wirbelsäule und das Becken, und spielt eine wichtige Rolle bei der Sexualfunktion. Bei Frauen muss der Beckenboden zusätzlich während Schwangerschaft und Geburt enormen Belastungen standhalten.

Wenn der Beckenboden geschwächt ist, können diese Funktionen beeinträchtigt werden. Die Folgen reichen von leichtem Urinverlust bei körperlicher Anstrengung bis hin zu schwerer Inkontinenz, die das tägliche Leben erheblich einschränkt. Auch ein Absenken der Beckenorgane (Prolaps) kann auftreten.

Warum wird der Beckenboden schwach?

Verschiedene Faktoren können zu einer Schwächung der Beckenbodenmuskulatur führen. Bei Frauen sind Schwangerschaft und Geburt die häufigsten Ursachen: Das zusätzliche Gewicht während der Schwangerschaft belastet den Beckenboden über Monate hinweg, und bei der Geburt wird er stark gedehnt, manchmal auch verletzt. Mehrere Geburten erhöhen das Risiko zusätzlich.

Die Wechseljahre spielen ebenfalls eine wichtige Rolle: Der sinkende Östrogenspiegel führt zu einer Abnahme der Muskel- und Bindegewebselastizität, was den Beckenboden schwächt. Bei Männern ist häufig eine Prostata-Operation die Ursache für Beckenbodenschwäche und nachfolgende Inkontinenz.

Weitere Risikofaktoren betreffen beide Geschlechter: Chronische Belastungen wie schweres Heben, chronischer Husten oder Verstopfung setzen dem Beckenboden dauerhaft zu. Übergewicht erhöht den Druck auf die Beckenbodenmuskulatur kontinuierlich. Der natürliche Alterungsprozess führt zu einem allgemeinen Muskelabbau, der auch den Beckenboden betrifft. Mangelnde Bewegung und fehlende gezielte Kräftigung verschlimmern die Situation zusätzlich.

Auch bestimmte Erkrankungen können den Beckenboden schwächen, etwa neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder ein Bandscheibenvorfall. Zudem können manche Medikamente die Blasenfunktion beeinflussen.

Wie Beckenbodentraining bei Inkontinenz hilft: Die wissenschaftliche Grundlage

Die Wirksamkeit von Beckenbodentraining bei Inkontinenz ist wissenschaftlich sehr gut belegt. Zahlreiche Studien zeigen, dass gezieltes Training die Symptome bei verschiedenen Formen der Inkontinenz deutlich verbessern oder sogar vollständig beseitigen kann.

Eine umfassende Meta-Analyse von 2018, die Daten von über 10.000 Frauen auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass Beckenbodentraining die Wahrscheinlichkeit einer Heilung bei Stressinkontinenz bei Frauen um das 17-fache erhöht. Bei konsequentem Training über mindestens drei Monate berichteten 70-80% der Teilnehmerinnen von einer deutlichen Verbesserung ihrer Symptome.

Auch bei Männern nach Prostata-Operationen zeigt Beckenbodentraining beeindruckende Ergebnisse: Studien belegen, dass Männer, die bereits vor der Operation mit dem Training beginnen und es danach konsequent fortsetzen, ihre Kontinenz deutlich schneller wiedererlangen. Nach sechs Monaten sind 90-95% der Männer mit prä- und postoperativem Training wieder kontinent, verglichen mit nur 70-75% ohne gezieltes Training.

Wie funktioniert der Trainingseffekt?

Durch regelmäßiges, gezieltes Training passieren mehrere positive Veränderungen im Beckenboden: Die Muskelkraft nimmt zu – schwache Muskelfasern werden dicker und kräftiger, was den Verschlussdruck der Harnröhre erhöht. Die Ausdauer verbessert sich – der Beckenboden kann länger angespannt bleiben, was im Alltag wichtig ist. Die Reaktionsfähigkeit steigt – der Beckenboden reagiert schneller und effektiver auf plötzliche Druckerhöhungen beim Husten, Niesen oder Lachen.

Besonders wichtig ist die Verbesserung der Körperwahrnehmung: Viele Menschen können ihren Beckenboden zunächst nicht bewusst anspannen, weil sie ihn nicht spüren. Durch das Training entwickelt sich ein besseres Gefühl für diese Muskelgruppe, was die Kontrolle im Alltag erleichtert. Zudem verbessert sich die Koordination mit anderen Muskelgruppen, insbesondere mit der tiefen Bauchmuskulatur und dem Zwerchfell.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die neurologische Anpassung: Das Gehirn lernt, die Beckenbodenmuskulatur besser anzusteuern und automatisch in kritischen Situationen zu aktivieren. Diese reflexartige Aktivierung ist entscheidend, um Urinverlust bei plötzlichen Belastungen zu verhindern.

Für welche Inkontinenzformen ist Beckenbodentraining geeignet?

Beckenbodentraining ist besonders wirksam bei Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz), der häufigsten Form bei Frauen. Hier kommt es zu Urinverlust bei körperlicher Anstrengung, Husten, Niesen oder Lachen. Studien zeigen Erfolgsraten von 70-80% bei konsequentem Training über mindestens drei Monate.

Bei Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz) kann Beckenbodentraining ebenfalls helfen, allerdings meist in Kombination mit Blasentraining und Verhaltenstherapie. Die Erfolgsraten liegen hier bei 50-60%. Bei der Mischinkontinenz, einer Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz, profitieren Betroffene ebenfalls vom Training, wobei oft zusätzliche Therapiemaßnahmen nötig sind.

Auch bei leichter Überlaufinkontinenz kann Beckenbodentraining unterstützend wirken, sollte aber immer mit einer ärztlichen Abklärung der Ursachen einhergehen. Bei neurologischen Erkrankungen, die zu Inkontinenz führen, ist die Wirksamkeit individuell unterschiedlich und sollte mit Fachpersonal abgestimmt werden.

Beckenbodentraining für Frauen bei Inkontinenz: Besondere Aspekte

Frauen sind deutlich häufiger von Inkontinenz betroffen als Männer – etwa jede dritte Frau über 40 Jahre leidet darunter. Das liegt vor allem an der besonderen anatomischen Situation und den spezifischen Belastungen, denen der weibliche Beckenboden ausgesetzt ist.

Der weibliche Beckenboden muss drei Körperöffnungen verschließen (Harnröhre, Vagina, After) statt zwei beim Mann. Die Harnröhre ist bei Frauen deutlich kürzer (3-4 cm vs. 20-25 cm beim Mann), was den Verschlussmechanismus anfälliger macht. Zudem fehlt die zusätzliche Stütze durch die Prostata, die beim Mann zur Kontinenz beiträgt.

Schwangerschaft und Geburt: Die größten Risikofaktoren

Während der Schwangerschaft nimmt der Druck auf den Beckenboden kontinuierlich zu – um bis zu 50% im letzten Trimester. Gleichzeitig lockern Hormone wie Progesteron und Relaxin das Bindegewebe, um die Geburt vorzubereiten. Diese Kombination belastet den Beckenboden erheblich.

Bei der Geburt wird der Beckenboden extrem gedehnt – der Kopf des Babys hat einen Umfang von etwa 35 cm, die Vaginalöffnung normalerweise nur 2-3 cm. Diese Dehnung kann zu Mikroverletzungen oder sogar Rissen in der Muskulatur führen. Bei einem Dammschnitt oder Dammriss werden zusätzlich Nervenfasern beschädigt, was die Wahrnehmung und Kontrolle des Beckenbodens beeinträchtigen kann.

Frauen, die vaginal entbunden haben, haben ein 2,5-fach erhöhtes Risiko für Inkontinenz im Vergleich zu Frauen ohne Kinder. Mit jeder weiteren Geburt steigt das Risiko. Auch Jahre nach der Geburt können sich die Folgen zeigen, besonders wenn der Beckenboden nicht gezielt trainiert wurde.

Beckenbodentraining für Frauen bei Inkontinenz ist daher bereits während der Schwangerschaft und besonders nach der Geburt essentiell. Studien zeigen, dass Frauen, die bereits in der Schwangerschaft mit dem Training beginnen, ein um 30% geringeres Risiko für postpartale Inkontinenz haben. Nach der Geburt sollte das Training spätestens nach 6-8 Wochen beginnen, sobald die Rückbildung abgeschlossen ist.

Wechseljahre und hormonelle Veränderungen

Die Menopause bringt erhebliche Veränderungen mit sich, die den Beckenboden schwächen: Der sinkende Östrogenspiegel führt zu einer Abnahme der Muskel- und Bindegewebselastizität um bis zu 30%. Die Schleimhäute werden dünner und trockener, was die Harnröhre anfälliger für Infektionen macht. Das Gewebe wird insgesamt weniger durchblutet, was die Regenerationsfähigkeit verringert.

Etwa 40% der Frauen entwickeln während oder nach den Wechseljahren eine Inkontinenz. Hier ist Beckenbodentraining besonders wichtig, um dem hormonell bedingten Muskelabbau entgegenzuwirken. Studien zeigen, dass Frauen, die regelmäßig trainieren, trotz hormoneller Veränderungen ihre Kontinenz besser bewahren können.

In manchen Fällen kann eine lokale Östrogen-Therapie (als Creme oder Vaginalzäpfchen) das Beckenbodentraining unterstützen, indem sie das Gewebe wieder elastischer macht. Dies sollte mit dem Gynäkologen besprochen werden.

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Beckenbodentraining für Männer bei Inkontinenz

Auch wenn Inkontinenz bei Männern seltener vorkommt als bei Frauen, sind die Auswirkungen nicht weniger belastend. Die häufigste Ursache für Beckenbodenschwäche bei Männern sind Prostata-Operationen, insbesondere die radikale Prostatektomie bei Prostatakrebs.

Bei dieser Operation wird die Prostata vollständig entfernt, die beim Mann eine wichtige Rolle für die Kontinenz spielt. Sie umschließt die Harnröhre und trägt durch ihre Lage zum Verschlussmechanismus bei. Nach der Entfernung muss der Beckenboden allein für die Kontinenz sorgen – eine Aufgabe, für die er oft nicht ausreichend trainiert ist.

Beckenbodentraining nach Prostata-Operation

Unmittelbar nach einer Prostata-OP sind fast alle Männer vorübergehend inkontinent. Wie schnell die Kontinenz wiedererlangt wird, hängt stark vom Zustand des Beckenbodens ab. Studien zeigen eindrucksvoll, dass präoperatives Beckenbodentraining die Heilungschancen deutlich verbessert:

Männer, die bereits 4-6 Wochen vor der Operation mit gezieltem Training beginnen, erlangen ihre Kontinenz durchschnittlich 6-8 Wochen früher wieder als Männer ohne Vorbereitung. Nach drei Monaten sind 75-80% der Männer mit präoperativem Training kontinent, verglichen mit nur 50-60% ohne Training. Nach einem Jahr sind die Unterschiede noch deutlich: 95% vs. 85% Kontinenzrate.

Das Training sollte idealerweise unter physiotherapeutischer Anleitung beginnen, damit die richtige Technik von Anfang an erlernt wird. Viele Männer haben Schwierigkeiten, den Beckenboden überhaupt wahrzunehmen und gezielt anzuspannen. Eine häufige Fehlhaltung ist das Mitanspannen der Gesäß- oder Bauchmuskulatur, was die Wirksamkeit des Trainings verringert.

Nach der Operation sollte das Training so früh wie möglich wieder aufgenommen werden, meist schon im Krankenhaus oder direkt nach der Entlassung. In den ersten Wochen liegt der Fokus auf sanften Anspannungsübungen im Liegen, später kommen zunehmend funktionelle Übungen im Stehen und bei Alltagsbewegungen hinzu.

Besonderheiten beim männlichen Beckenboden

Der männliche Beckenboden ist anatomisch anders aufgebaut als der weibliche: Er ist kompakter und hat nur zwei Öffnungen (Harnröhre und After) statt drei. Die längere Harnröhre (20-25 cm) bietet prinzipiell bessere Verschlussmöglichkeiten. Die Prostata trägt normalerweise zur Kontinenz bei, weshalb ihr Verlust so problematisch ist.

Männer haben oft ein schlechteres Körpergefühl für den Beckenboden als Frauen, da sie sich weniger damit auseinandersetzen. Viele Männer verbinden Beckenbodentraining fälschlicherweise mit “Frauensache” und zögern, damit zu beginnen – ein gefährlicher Irrglaube, der die Genesung verzögert.

Die Motivation kann gesteigert werden, indem man den Beckenboden als Teil der “Rumpfstabilität” betrachtet, die auch für sportliche Leistungen wichtig ist. Studien zeigen, dass ein starker Beckenboden die Körperhaltung verbessert, Rückenschmerzen vorbeugt und die sexuelle Funktion positiv beeinflusst.

Die richtige Technik: Beckenboden spüren und anspannen lernen

Bevor Sie mit dem eigentlichen Training beginnen können, müssen Sie lernen, Ihren Beckenboden überhaupt wahrzunehmen und gezielt anzuspannen. Viele Menschen haben anfangs Schwierigkeiten damit, weil der Beckenboden eine “unsichtbare” Muskelgruppe ist, die im Alltag meist unbewusst arbeitet.

Schritt 1: Den Beckenboden lokalisieren

Es gibt verschiedene Methoden, um ein Gefühl für den Beckenboden zu entwickeln. Eine einfache Übung ist das Stopp-Prinzip beim Wasserlassen: Versuchen Sie beim Urinieren, den Strahl kurz anzuhalten, ohne die Beine zusammenzupressen oder die Gesäßmuskeln anzuspannen. Die Muskeln, die Sie dabei aktivieren, sind Teil Ihres Beckenbodens. Wichtig: Diese Übung sollten Sie nur zur Wahrnehmungsschulung nutzen, nicht regelmäßig, da das Unterbrechen des Urinierens auf Dauer die Blasenfunktion stören kann.

Eine weitere Methode ist die Vorstellung eines Aufzugs: Stellen Sie sich vor, Ihr Beckenboden sei ein Aufzug, der vom Erdgeschoss (entspannter Zustand) in den ersten Stock fährt (leichte Anspannung), dann in den zweiten Stock (mittlere Anspannung) und schließlich in den dritten Stock (maximale Anspannung). Beim “Abwärtsfahren” entspannen Sie die Muskulatur schrittweise wieder.

Bei Frauen hilft oft die Vorstellung, die Vagina zu verschließen, als würde man einen Tampon festhalten. Bei Männern kann man sich vorstellen, den Penis leicht einzuziehen oder die Hoden anzuheben, ohne die äußeren Muskeln zu nutzen.

Schritt 2: Isolierte Anspannung üben

Viele Menschen spannen beim Versuch, den Beckenboden anzuspannen, fälschlicherweise andere Muskelgruppen mit an. Häufige Fehler sind das Zusammenpressen der Gesäßmuskeln, das Anspannen der Oberschenkelinnenseite, das Einziehen des Bauches oder das Anhalten des Atems.

Die richtige Technik erkennen Sie daran, dass Sie während der Anspannung normal weiteratmen können, Ihr Bauch entspannt bleibt und Sie keine Bewegung von außen sehen (außer eventuell einem leichten Einziehen im Dammbereich). Eine Hand auf dem Bauch und eine auf dem Gesäß helfen, Fehlanspannungen zu erkennen.

Üben Sie zunächst im Liegen auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen – das ist die einfachste Position. Später können Sie in verschiedenen Positionen trainieren: im Sitzen, im Vierfüßlerstand, im Stehen. Je mehr Positionen Sie beherrschen, desto besser können Sie Ihren Beckenboden im Alltag einsetzen.

Schritt 3: Atmung und Beckenboden koordinieren

Die Atmung spielt eine wichtige Rolle beim Beckenbodentraining. Bei der Einatmung senkt sich das Zwerchfell, der Bauchraum dehnt sich aus, und der Beckenboden gibt leicht nach. Bei der Ausatmung hebt sich das Zwerchfell wieder, und der Beckenboden spannt sich reflektorisch leicht an.

Nutzen Sie diese natürliche Verbindung: Spannen Sie den Beckenboden beim Ausatmen an und entspannen Sie ihn beim Einatmen. Diese Koordination ist besonders wichtig bei Belastungen: Wenn Sie etwas Schweres heben, niesen oder husten müssen, atmen Sie aus und spannen dabei bewusst den Beckenboden an. So schützen Sie sich vor Urinverlust.

Effektive Übungen für Beckenbodentraining bei Inkontinenz

Nachdem Sie gelernt haben, Ihren Beckenboden wahrzunehmen und isoliert anzuspannen, können Sie mit dem eigentlichen Training beginnen. Ein effektives Trainingsprogramm kombiniert verschiedene Übungsarten, um alle Aspekte der Beckenbodenfunktion zu verbessern: Kraft, Ausdauer, Schnellkraft und Koordination.

Grundübungen für Einsteiger

Übung 1: Langsame Anspannung im Liegen

Legen Sie sich auf den Rücken, die Beine sind angewinkelt, die Füße stehen hüftbreit auf dem Boden. Atmen Sie ruhig ein. Beim Ausatmen spannen Sie den Beckenboden langsam an, als würden Sie den Beckenboden nach innen und oben ziehen. Halten Sie die Spannung für 5-10 Sekunden, während Sie normal weiteratmen. Entspannen Sie dann vollständig für 10 Sekunden. Wiederholen Sie die Übung 10-15 Mal.

Diese Übung trainiert die Ausdauerfähigkeit des Beckenbodens. Achten Sie darauf, dass Sie während der Anspannung nicht die Luft anhalten und keine anderen Muskeln mitanspannen. Steigern Sie die Haltezeit schrittweise auf bis zu 20 Sekunden.

Übung 2: Schnelle Anspannung (Quick Flicks)

Ausgangsposition wie bei Übung 1. Spannen Sie den Beckenboden schnell und kräftig an, halten Sie die Spannung nur 1-2 Sekunden und entspannen Sie dann vollständig. Wiederholen Sie diese schnellen Anspannungen 10-15 Mal hintereinander.

Diese Übung trainiert die Schnellkraft, die wichtig ist, um bei plötzlichen Belastungen (Husten, Niesen) reflexartig zu reagieren. Die Pausen zwischen den Anspannungen sollten so lang sein wie die Anspannung selbst, damit sich der Muskel vollständig erholen kann.

Übung 3: Beckenboden-Lift

Stellen Sie sich vor, Ihr Beckenboden ist ein Aufzug mit drei Stockwerken. Spannen Sie den Beckenboden zunächst leicht an (1. Stock), halten Sie kurz, verstärken Sie die Anspannung (2. Stock), halten Sie wieder, und spannen Sie maximal an (3. Stock). Halten Sie diese maximale Spannung 3-5 Sekunden, dann entspannen Sie schrittweise wieder: 2. Stock, 1. Stock, Erdgeschoss. Wiederholen Sie die Übung 5-8 Mal.

Diese Übung verbessert die bewusste Kontrolle über verschiedene Anspannungsstufen und trainiert sowohl Kraft als auch Koordination.

Fortgeschrittene Übungen im Alltag

Wenn Sie die Grundübungen sicher beherrschen, können Sie das Training in Ihren Alltag integrieren und funktioneller gestalten. Das ist besonders wichtig, weil Sie den Beckenboden im täglichen Leben in verschiedenen Positionen und bei unterschiedlichen Aktivitäten einsetzen müssen.

Übung 4: Beckenboden im Stehen

Stehen Sie aufrecht, die Füße hüftbreit auseinander, die Knie leicht gebeugt. Spannen Sie den Beckenboden an, während Sie gleichzeitig auf die Zehenspitzen gehen. Halten Sie die Position für 5 Sekunden, dann senken Sie die Fersen wieder und entspannen den Beckenboden. Wiederholen Sie die Übung 10-15 Mal.

Diese Übung trainiert die Koordination des Beckenbodens mit der Beinmuskulatur und simuliert Alltagssituationen wie das Erreichen von etwas in einem hohen Regal.

Übung 5: Beckenboden beim Gehen

Gehen Sie normal durch den Raum und spannen Sie bei jedem zweiten oder dritten Schritt bewusst den Beckenboden an. Halten Sie die Spannung für 3-4 Schritte, dann entspannen Sie wieder für einige Schritte. Führen Sie diese Übung 2-3 Minuten lang durch.

Diese funktionelle Übung bereitet Sie darauf vor, den Beckenboden auch bei Bewegung aktiv zu nutzen. Mit der Zeit wird diese bewusste Anspannung beim Gehen automatischer.

Übung 6: Beckenboden beim Aufstehen

Setzen Sie sich auf einen Stuhl. Atmen Sie aus und spannen Sie dabei den Beckenboden an, während Sie aufstehen. Halten Sie die Spannung, während Sie stehen, dann entspannen Sie beim Hinsetzen. Wiederholen Sie die Übung 10 Mal.

Das Aufstehen ist eine typische Alltagsbewegung, bei der viele Menschen mit Inkontinenz Urinverlust erleben. Durch diese Übung trainieren Sie, den Beckenboden präventiv anzuspannen.

Übungen mit Hilfsmitteln

Verschiedene Hilfsmittel können das Beckenbodentraining unterstützen und intensivieren. Sie sollten aber erst eingesetzt werden, wenn Sie die Grundtechnik sicher beherrschen.

Vaginalkonen für Frauen

Vaginalkonen sind kleine, tamponähnliche Gewichte in verschiedenen Größen, die in die Vagina eingeführt werden. Durch die Schwerkraft tendieren sie dazu, herauszugleiten, was eine reflexartige Anspannung des Beckenbodens auslöst. Sie beginnen mit dem leichtesten Gewicht und steigern sich allmählich.

Führen Sie den Konus ein und versuchen Sie, ihn durch Anspannen des Beckenbodens zu halten, während Sie Alltagsaktivitäten nachgehen (z.B. Hausarbeit, Spazierengehen). Beginnen Sie mit 5-10 Minuten täglich und steigern Sie auf bis zu 30 Minuten. Wenn Sie ein Gewicht problemlos halten können, wechseln Sie zum nächst schwereren.

Biofeedback-Geräte

Biofeedback-Geräte messen die Muskelaktivität des Beckenbodens und geben visuelles oder akustisches Feedback. Das hilft besonders Menschen, die Schwierigkeiten haben, den Beckenboden zu spüren oder isoliert anzuspannen. Moderne Geräte können per App gesteuert werden und bieten geführte Trainingsprogramme.

Die Nutzung sollte idealerweise unter physiotherapeutischer Anleitung beginnen, um sicherzustellen, dass Sie das Gerät korrekt verwenden und die richtigen Muskeln trainieren.

Elektrostimulation

Bei sehr schwacher Beckenbodenmuskulatur oder wenn die bewusste Ansteuerung nicht gelingt, kann elektrische Muskelstimulation helfen. Dabei werden durch schwache elektrische Impulse die Beckenbodenmuskeln zum Zusammenziehen gebracht. Dies ist besonders nach Operationen oder bei neurologischen Erkrankungen sinnvoll.

Elektrostimulation sollte immer unter fachlicher Anleitung erfolgen und ersetzt nicht das aktive Training, sondern ergänzt es in der Anfangsphase. Ziel ist es, dass Sie später ohne Gerät trainieren können.

Der optimale Trainingsplan: Wie oft und wie lange?

Die Regelmäßigkeit ist beim Beckenbodentraining bei Inkontinenz entscheidender als die Intensität. Ein gut strukturierter Trainingsplan berücksichtigt verschiedene Übungsarten und baut systematisch auf.

Trainingsfrequenz und -dauer

Für optimale Ergebnisse sollten Sie täglich trainieren, idealerweise zu festen Zeiten, damit es zur Routine wird. Ein typisches Trainingsprogramm umfasst 3-4 Übungseinheiten pro Tag mit jeweils 10-15 Minuten Dauer. Das klingt nach viel, aber die Übungen lassen sich gut in den Alltag integrieren: morgens nach dem Aufstehen im Bett, mittags in der Mittagspause im Sitzen, abends beim Fernsehen oder vor dem Schlafengehen.

Jede Trainingseinheit sollte verschiedene Übungstypen kombinieren: 10-15 langsame Anspannungen mit Halten (Ausdauertraining), 10-15 schnelle Anspannungen (Schnellkraft), 5-8 Beckenboden-Lifts (Koordination und Kraft). Zwischen den einzelnen Übungen sollten Sie immer eine Pause einlegen, die mindestens so lang ist wie die Anspannungsphase, damit sich der Muskel vollständig erholen kann.

Wann sind erste Erfolge spürbar?

Die ersten Verbesserungen in der Körperwahrnehmung bemerken Sie oft schon nach 2-3 Wochen regelmäßigen Trainings. Sie können den Beckenboden besser spüren und gezielter anspannen. Nach 4-6 Wochen zeigen sich meist erste Verbesserungen bei der Inkontinenz: Der Urinverlust wird seltener oder geringer. Nach 3 Monaten konsequenten Trainings berichten 70-80% der Betroffenen von deutlichen Verbesserungen, viele sind sogar komplett kontinent geworden.

Wichtig ist, dass Sie nicht zu früh aufgeben. Muskeln brauchen Zeit, um sich aufzubauen, und der Beckenboden ist da keine Ausnahme. Studien zeigen, dass Menschen, die mindestens 3 Monate durchhalten, die besten Langzeitergebnisse erzielen. Auch wenn die Inkontinenz bereits verschwunden ist, sollten Sie das Training als Teil Ihres Alltags beibehalten, um die Erfolge zu sichern.

Langfristige Erhaltung der Erfolge

Nach der intensiven Trainingsphase von 3-6 Monaten können Sie auf ein Erhaltungstraining umsteigen: 3-4 Mal pro Woche 10-15 Minuten reichen aus, um die erreichte Muskelkraft zu bewahren. Integrieren Sie den Beckenboden in Ihren Alltag: Spannen Sie ihn vor dem Husten, Niesen oder Lachen an, aktivieren Sie ihn beim Heben schwerer Gegenstände, und nutzen Sie ihn bewusst beim Sport.

Viele Menschen finden es hilfreich, das Training mit einer anderen Routine zu verknüpfen, zum Beispiel beim Zähneputzen, an der roten Ampel oder während der Werbepausen beim Fernsehen. So wird das Training zur Gewohnheit und gerät nicht in Vergessenheit.

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Häufige Fehler beim Beckenbodentraining und wie Sie sie vermeiden

Auch beim Beckenbodentraining können Fehler passieren, die die Wirksamkeit verringern oder sogar kontraproduktiv sind. Hier sind die häufigsten Probleme und wie Sie sie vermeiden:

Fehler 1: Falsche Muskelgruppen anspannen

Viele Menschen spannen statt des Beckenbodens die Gesäßmuskeln, Oberschenkel oder Bauchmuskulatur an. Das ist nicht nur ineffektiv, sondern kann sogar Druck auf den Beckenboden ausüben und ihn schwächen. Legen Sie während des Trainings eine Hand auf Bauch und Gesäß – wenn Sie Bewegung spüren, spannen Sie die falschen Muskeln an.

Die richtige Anspannung ist von außen kaum sichtbar. Sie sollten ein leichtes Anheben und Einziehen im Bereich zwischen After und Geschlechtsorganen spüren, aber keine großen Bewegungen sehen. Wenn Sie unsicher sind, lassen Sie sich von einer Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten mit Spezialisierung auf Beckenbodentherapie anleiten.

Fehler 2: Zu viel Kraft, zu wenig Kontrolle

Manche Menschen übertreiben es mit der Intensität und spannen den Beckenboden zu stark an. Das führt zu Verkrampfungen und kann die Koordination verschlechtern. Wichtiger als maximale Kraft ist die Fähigkeit, den Beckenboden kontrolliert anzuspannen und wieder zu entspannen.

Beginnen Sie mit moderaten Anspannungen (etwa 50-70% Ihrer Maximalkraft) und achten Sie besonders auf die vollständige Entspannung nach jeder Übung. Eine verspannte Beckenbodenmuskulatur kann paradoxerweise zu Inkontinenz führen, weil sie nicht mehr flexibel reagieren kann.

Fehler 3: Luft anhalten

Ein häufiger Fehler ist das Anhalten der Atmung während der Anspannung. Das erhöht den Druck im Bauchraum und wirkt gegen den Beckenboden. Atmen Sie während der gesamten Übung ruhig weiter. Die Ausatmung unterstützt die Anspannung, die Einatmung die Entspannung.

Fehler 4: Unregelmäßiges Training

Beckenbodentraining wirkt nur, wenn es regelmäßig durchgeführt wird. Einmal pro Woche intensiv zu trainieren bringt weniger als täglich 10 Minuten. Der Muskel braucht kontinuierliche Reize, um sich aufzubauen. Machen Sie das Training zur täglichen Routine, ähnlich wie Zähneputzen.

Fehler 5: Zu früh aufgeben

Viele Menschen geben auf, wenn sie nach 2-3 Wochen noch keine deutlichen Verbesserungen spüren. Muskelaufbau braucht Zeit – rechnen Sie mit mindestens 6-8 Wochen bis zu ersten spürbaren Erfolgen bei der Inkontinenz. Die Körperwahrnehmung verbessert sich zwar schneller, aber die tatsächliche Muskelkraft braucht länger.

Fehler 6: Training während des Wasserlassens

Das Unterbrechen des Urinstrahls sollten Sie nur einmalig zur Wahrnehmungsschulung nutzen, nicht als regelmäßige Übung. Häufiges Unterbrechen kann zu Blasenfunktionsstörungen führen, weil die Blase nicht lernt, sich vollständig zu entleeren. Außerdem erhöht es das Risiko für Blasenentzündungen.

Beckenbodentraining kombiniert mit anderen Therapien

Während Beckenbodentraining bei Inkontinenz oft als alleinige Maßnahme sehr wirksam ist, kann es in manchen Fällen sinnvoll sein, es mit anderen Therapieansätzen zu kombinieren. Eine ganzheitliche Behandlung berücksichtigt alle Faktoren, die zur Inkontinenz beitragen.

Blasentraining und Verhaltenstherapie

Bei Dranginkontinenz ist die Kombination von Beckenbodentraining mit Blasentraining besonders effektiv. Beim Blasentraining lernen Sie, die Abstände zwischen den Toilettengängen schrittweise zu verlängern und den Harndrang besser zu kontrollieren. Sie führen ein Miktionstagebuch, in dem Sie alle Toilettengänge und Trinkmenge notieren, und verlängern die Intervalle systematisch um 15-30 Minuten pro Woche.

Verhaltenstherapeutische Ansätze helfen, ungünstige Gewohnheiten zu ändern, etwa das vorsorgliche Toilettengehen “für alle Fälle” oder übermäßiges Trinken aus Angst vor Dehydrierung. Auch Entspannungstechniken können bei Dranginkontinenz hilfreich sein, da Stress und Anspannung die Symptome verschlimmern können.

Gewichtsreduktion

Übergewicht ist ein bedeutender Risikofaktor für Inkontinenz: Jedes Kilogramm zusätzliches Gewicht erhöht den Druck auf den Beckenboden. Studien zeigen, dass eine Gewichtsabnahme von 5-10% des Körpergewichts die Inkontinenzsymptome um 50-70% reduzieren kann.

Die Kombination von Beckenbodentraining mit einer moderaten Gewichtsreduktion verstärkt die Effekte beider Maßnahmen. Wichtig ist eine langsame, nachhaltige Abnahme durch gesunde Ernährung und Bewegung, nicht durch radikale Diäten.

Medikamentöse Behandlung

Bei Dranginkontinenz können Medikamente die überaktive Blase beruhigen. Anticholinergika oder Beta-3-Agonisten reduzieren den Harndrang und die Häufigkeit der Toilettengänge. Sie sollten aber immer mit Beckenbodentraining kombiniert werden, nicht als Ersatz dafür.

Bei Frauen nach den Wechseljahren kann eine lokale Östrogen-Therapie (Creme oder Vaginalzäpfchen) das Gewebe im Beckenbodenbereich elastischer machen und so das Training unterstützen. Die Hormone wirken nur lokal und haben kaum systemische Nebenwirkungen.

Hilfsmittel zur Unterstützung

Während Sie am Training arbeiten, können Inkontinenz-Hilfsmittel Ihnen helfen, aktiv zu bleiben und Selbstvertrauen zu bewahren. Einlagen, Pants oder Vorlagen gibt es in verschiedenen Saugstärken und sind diskret unter der Kleidung zu tragen. Sie sollten aber nicht als Dauerlösung betrachtet werden, sondern als Überbrückung, bis das Training Wirkung zeigt.

Bei Frauen mit Belastungsinkontinenz kann ein Pessar unterstützend wirken. Dieses wird in die Vagina eingeführt und hebt die Blase an, wodurch der Druck auf die Harnröhre verringert wird. Es kann besonders bei sportlichen Aktivitäten hilfreich sein, ersetzt aber nicht das Training.

Operative Behandlung

Wenn konservative Maßnahmen einschließlich intensiven Beckenbodentrainings nach 6-12 Monaten nicht ausreichend wirken, können operative Verfahren in Betracht gezogen werden. Bei Frauen mit Belastungsinkontinenz gibt es verschiedene Operationsmethoden, etwa die Einlage eines Bandes zur Unterstützung der Harnröhre (TVT-Operation).

Wichtig ist, dass auch nach einer Operation Beckenbodentraining fortgesetzt werden sollte, um das Operationsergebnis zu stabilisieren und langfristig zu erhalten. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn präoperativ bereits trainiert wurde.

Besondere Situationen: Beckenbodentraining bei spezifischen Erkrankungen

Bei manchen Erkrankungen muss das Beckenbodentraining angepasst oder mit zusätzlichen Maßnahmen kombiniert werden. Hier einige wichtige Situationen:

Beckenbodentraining bei neurologischen Erkrankungen

Bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall kann die Ansteuerung des Beckenbodens beeinträchtigt sein. Hier ist oft eine intensivere physiotherapeutische Begleitung nötig, eventuell mit Biofeedback oder Elektrostimulation.

Das Training sollte frühzeitig beginnen und regelmäßig angepasst werden, da sich die neurologische Situation verändern kann. Auch wenn die Erfolge langsamer eintreten als bei nicht-neurologischer Inkontinenz, lohnt sich das Training, um die Situation zu stabilisieren und Verschlechterungen vorzubeugen.

Beckenbodentraining bei Demenz

Bei Menschen mit Demenz ist Inkontinenz häufig. Das bewusste Training ist oft schwierig, weil die Anweisungen nicht mehr verstanden oder umgesetzt werden können. Hier kann ein regelmäßiges Toilettentraining helfen: Die betroffene Person wird in festen Abständen (z.B. alle 2 Stunden) zur Toilette begleitet, auch wenn kein Harndrang besteht.

Zusätzlich können einfache Übungen im Rahmen der täglichen Pflege integriert werden, etwa beim An- und Ausziehen oder bei der Körperpflege. Die Betreuungsperson kann verbale und taktile Hinweise geben, um die Beckenbodenaktivierung zu unterstützen.

Beckenbodentraining nach Prostata-Operation

Nach einer Prostata-Operation ist ein strukturiertes, intensives Beckenbodentraining essentiell. Idealerweise beginnt es bereits 4-6 Wochen vor der Operation und wird unmittelbar danach fortgesetzt. In den ersten Wochen liegt der Fokus auf sanften Anspannungsübungen im Liegen, später kommen funktionelle Übungen im Stehen und bei Alltagsbewegungen hinzu.

Die meisten Männer brauchen 3-12 Monate, um nach der Operation wieder vollständig kontinent zu werden. Physiotherapeutische Begleitung ist in dieser Phase sehr hilfreich, um die richtige Technik zu erlernen und motiviert zu bleiben.

Beckenbodentraining bei Harn- und Stuhlinkontinenz

Wenn sowohl Harn- als auch Stuhlinkontinenz vorliegt, ist die Situation besonders belastend. Das Beckenbodentraining muss beide Aspekte berücksichtigen. Die Übungen sind ähnlich, aber es wird besonders auf die hinteren Anteile des Beckenbodens geachtet, die den After verschließen.

Zusätzlich sind oft Ernährungsanpassungen nötig, um Durchfall oder Verstopfung zu vermeiden, da beides die Stuhlinkontinenz verschlimmert. Eine spezialisierte Physiotherapie kann hier besonders hilfreich sein.

Praxisbeispiele: Erfolgreiche Wege aus der Inkontinenz

Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Wege aus der Inkontinenz sein können und wie wichtig individuell angepasste Ansätze sind.

Beispiel 1: Martina, 52 Jahre – Belastungsinkontinenz nach drei Geburten

Martina hat drei Kinder vaginal zur Welt gebracht. Nach der dritten Geburt vor 15 Jahren bemerkte sie erstmals leichten Urinverlust beim Joggen, den sie aber ignorierte. Mit den Jahren verschlimmerte sich die Situation: Mittlerweile verliert sie bei jedem Husten, Niesen und Lachen Urin, auch beim Treppensteigen und Heben schwerer Einkaufstaschen. Sie traut sich nicht mehr ins Fitnessstudio und meidet soziale Situationen, in denen sie viel lachen könnte.

Auf Anraten ihrer Gynäkologin beginnt Martina mit physiotherapeutisch angeleitetem Beckenbodentraining. In den ersten Sitzungen lernt sie, ihren Beckenboden überhaupt wahrzunehmen – etwas, das sie nach den Geburten nie bewusst gemacht hat. Die Physiotherapeutin korrigiert ihre Technik, denn Martina spannt anfangs vor allem die Gesäßmuskeln an.

Nach vier Wochen täglichen Trainings (3x täglich 10 Minuten) bemerkt Martina erste Verbesserungen: Sie kann beim Niesen den Urinverlust manchmal verhindern, wenn sie rechtzeitig daran denkt, den Beckenboden anzuspannen. Nach drei Monaten ist die Inkontinenz beim Husten und Niesen fast vollständig verschwunden. Beim Sport trägt sie noch eine leichte Einlage, aber auch hier wird der Verlust deutlich geringer.

Nach sechs Monaten hat Martina ihre Lebensqualität zurückgewonnen. Sie geht wieder regelmäßig joggen, hat sich im Fitnessstudio angemeldet und lacht ohne Angst. Das Training ist zur Routine geworden – sie macht die Übungen morgens im Bett und abends beim Fernsehen. Zusätzlich hat sie 8 Kilo abgenommen, was die Erfolge verstärkt hat.

Beispiel 2: Karl, 68 Jahre – Inkontinenz nach Prostatakrebs-Operation

Bei Karl wurde Prostatakrebs diagnostiziert, und er unterzog sich einer radikalen Prostatektomie. Sein Urologe empfahl ihm, bereits vor der Operation mit Beckenbodentraining zu beginnen. Karl war skeptisch – “Beckenbodentraining ist doch was für Frauen” – ließ sich aber von seiner Frau überreden, zumindest eine Physiotherapie-Sitzung zu besuchen.

Der Physiotherapeut erklärte ihm die Anatomie und zeigte ihm, wie wichtig ein starker Beckenboden nach der Prostata-Entfernung ist. Karl trainierte vier Wochen vor der Operation täglich. Nach der OP war er zunächst komplett inkontinent und musste starke Vorlagen tragen. Das war für ihn psychisch sehr belastend.

Bereits im Krankenhaus begann er wieder mit sanften Übungen, zunächst nur im Liegen. Nach der Entlassung steigerte er das Training schrittweise. Die ersten zwei Monate waren frustrierend – die Fortschritte waren minimal. Doch dann ging es plötzlich schneller: Nach drei Monaten konnte er tagsüber schon leichte Einlagen tragen, nachts brauchte er noch Vorlagen.

Nach sechs Monaten war Karl tagsüber kontinent, nur nachts verlor er noch etwas Urin. Nach neun Monaten war er auch nachts trocken. Heute, ein Jahr nach der Operation, ist er vollständig kontinent und führt ein normales Leben. Er ist überzeugt, dass das präoperative Training den Unterschied gemacht hat, denn sein Zimmernachbar im Krankenhaus, der nicht trainiert hatte, kämpft auch nach einem Jahr noch mit Inkontinenz.

Beispiel 3: Ingrid, 74 Jahre – Mischinkontinenz mit Übergewicht

Ingrid leidet seit Jahren unter Mischinkontinenz: Sie verliert Urin bei Belastung, hat aber auch häufigen, plötzlichen Harndrang, den sie kaum kontrollieren kann. Mit 165 cm Körpergröße und 95 kg ist sie deutlich übergewichtig. Sie geht bis zu 15 Mal am Tag zur Toilette, oft schafft sie es nicht rechtzeitig. Das belastet sie enorm, sie verlässt kaum noch das Haus.

Ihre Hausärztin empfiehlt eine Kombination aus Beckenbodentraining, Blasentraining und Gewichtsreduktion. Ingrid beginnt mit einer spezialisierten Physiotherapeutin zu arbeiten. Das Beckenbodentraining fällt ihr anfangs schwer, weil sie die Muskeln kaum spürt. Sie nutzt ein Biofeedback-Gerät, das ihr visuell zeigt, ob sie die richtigen Muskeln anspannt.

Parallel führt sie ein Miktionstagebuch und lernt, die Toilettengänge schrittweise zu reduzieren. Wenn sie Harndrang verspürt, versucht sie, ihn 5 Minuten hinauszuzögern, indem sie den Beckenboden anspannt und sich ablenkt. Die Abstände verlängert sie wöchentlich um 5-10 Minuten.

Gleichzeitig beginnt Ingrid mit einer moderaten Ernährungsumstellung und täglichen Spaziergängen. In den ersten drei Monaten nimmt sie 6 Kilo ab, und die Inkontinenz verbessert sich bereits deutlich. Die Toilettengänge reduzieren sich auf 8-10 pro Tag, und der Urinverlust bei Belastung wird seltener.

Nach sechs Monaten hat Ingrid 12 Kilo abgenommen und geht nur noch 6-7 Mal täglich zur Toilette. Die Belastungsinkontinenz ist fast verschwunden, die Drangsymptomatik deutlich besser. Sie kann wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und hat sich einer Seniorengruppe angeschlossen. Das Beckenbodentraining ist fester Bestandteil ihres Alltags geworden.

Beispiel 4: Thomas, 45 Jahre – Inkontinenz nach Bandscheibenvorfall

Thomas erlitt einen schweren Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich, der operiert werden musste. Nach der Operation hatte er nicht nur Probleme beim Gehen, sondern auch mit der Blasenkontrolle – eine Folge der Nervenschädigung. Die Ärzte sagten ihm, dass sich das möglicherweise nicht vollständig zurückbilden würde.

Thomas ließ sich davon nicht entmutigen. Er begann mit intensiver Physiotherapie, sowohl für den Rücken als auch für den Beckenboden. Da die Nervenleitung beeinträchtigt war, nutzte er anfangs Elektrostimulation, um die Muskeln überhaupt zu aktivieren. Parallel trainierte er, die Anspannung bewusst wahrzunehmen.

Die Fortschritte waren langsam, aber stetig. Nach drei Monaten konnte er den Beckenboden wieder bewusst anspannen, wenn auch noch schwach. Nach sechs Monaten hatte sich die Muskelkraft deutlich verbessert, und die Inkontinenz-Episoden wurden seltener. Nach einem Jahr war er fast kontinent, nur bei sehr starker körperlicher Anstrengung kam es noch zu leichtem Urinverlust.

Thomas trainiert heute noch täglich seinen Beckenboden, weil er weiß, dass die Nervenversorgung nie wieder perfekt sein wird. Aber er hat gelernt, mit der Situation umzugehen und ein weitgehend normales Leben zu führen. Er ist dankbar, dass er durch das Training so viel Kontrolle zurückgewinnen konnte.

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Wann reicht Beckenbodentraining allein nicht aus?

So wirksam Beckenbodentraining auch ist – es gibt Situationen, in denen es allein nicht ausreicht oder in denen zusätzliche Maßnahmen nötig sind. Es ist wichtig, diese Grenzen zu kennen und rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen.

Schwere Inkontinenz mit hohem Leidensdruck

Wenn Sie täglich große Mengen Urin verlieren und Ihr Alltag stark eingeschränkt ist, sollten Sie nicht monatelang auf die Wirkung des Trainings warten. In solchen Fällen ist eine umfassende urologische oder gynäkologische Abklärung wichtig. Möglicherweise liegt eine strukturelle Schädigung vor, die operativ behandelt werden sollte.

Das bedeutet nicht, dass Beckenbodentraining nutzlos ist – im Gegenteil, es sollte auch bei schwerer Inkontinenz durchgeführt werden. Aber es sollte nicht die einzige Maßnahme sein. Die Kombination aus Operation und Training bringt oft die besten Ergebnisse.

Anatomische Veränderungen: Prolaps und Senkung

Wenn die Beckenorgane abgesunken sind (Prolaps), kann Beckenbodentraining die Symptome lindern, aber meist nicht vollständig beheben. Bei leichten Senkungen (Grad 1-2) kann Training ausreichen, bei stärkeren Senkungen (Grad 3-4) ist oft eine Operation nötig. Ein Pessar kann als konservative Alternative oder Überbrückung dienen.

Wichtig ist, dass Training bei Prolaps unter physiotherapeutischer Anleitung erfolgt, denn falsch ausgeführt kann es die Senkung verschlimmern. Bestimmte Übungen, die den Druck im Bauchraum erhöhen, sollten vermieden werden.

Neurologische Grunderkrankungen

Bei fortgeschrittenen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson oder nach Schlaganfall kann die Nervenversorgung des Beckenbodens so stark beeinträchtigt sein, dass willkürliches Training nicht mehr möglich ist. Hier können Elektrostimulation, Katheterisierung oder andere Hilfsmittel nötig werden.

Dennoch sollte auch in diesen Fällen versucht werden, die verbleibende Funktion durch Training zu erhalten. Oft ist mehr möglich, als zunächst vermutet wird, besonders wenn frühzeitig mit dem Training begonnen wird.

Wenn nach 6 Monaten keine Verbesserung eintritt

Wenn Sie trotz konsequenten, korrekt ausgeführten Trainings über 6 Monate keine Verbesserung bemerken, sollten Sie eine weitere Abklärung durchführen lassen. Möglicherweise liegt eine Ursache vor, die zusätzlich behandelt werden muss, etwa eine überaktive Blase, die medikamentös behandelt werden kann, eine Harnwegsinfektion, die chronisch geworden ist, oder eine anatomische Besonderheit, die eine andere Therapie erfordert.

Lassen Sie sich nicht entmutigen – es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten, und für fast jede Form der Inkontinenz gibt es eine Lösung. Wichtig ist, nicht aufzugeben und alle verfügbaren Optionen zu nutzen.

Unterstützung im Alltag: Wenn Pflege und Betreuung nötig werden

Inkontinenz kann besonders im höheren Alter oder bei zusätzlichen Erkrankungen eine Herausforderung sein, die nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch praktische Unterstützung im Alltag erfordert. Wenn Sie oder Ihre Angehörigen mit Inkontinenz und weiteren gesundheitlichen Einschränkungen leben, kann professionelle Unterstützung die Lebensqualität erheblich verbessern.

Häusliche Betreuung als würdevolle Alternative

Viele Menschen mit Inkontinenz schämen sich und ziehen sich zurück. Sie möchten niemandem zur Last fallen und verzichten auf soziale Kontakte. Dabei kann gerade in dieser Situation Seniorenbetreuung zu Hause eine große Hilfe sein.

Eine 24-Stunden-Betreuungskraft unterstützt nicht nur bei der Körperpflege und dem Wechseln von Inkontinenzmaterialien, sondern kann auch beim Beckenbodentraining helfen, an Toilettengänge erinnern und dabei unterstützen, ein Miktionstagebuch zu führen. Sie begleitet zu Arztterminen und Physiotherapie-Sitzungen und sorgt dafür, dass Medikamente regelmäßig eingenommen werden.

Besonders wichtig ist die emotionale Unterstützung: Eine einfühlsame Betreuungskraft nimmt die Scham und gibt Sicherheit im Alltag. Sie ermöglicht es, trotz Inkontinenz am Leben teilzunehmen und soziale Kontakte zu pflegen. Durch ganzheitliche Betreuung wird nicht nur die Inkontinenz versorgt, sondern die gesamte Lebensqualität verbessert.

Kombination von Training und professioneller Pflege

Die Anwesenheit einer Betreuungskraft bedeutet nicht, dass Sie auf Beckenbodentraining verzichten sollten – im Gegenteil. Die Betreuungskraft kann Sie dabei unterstützen, das Training konsequent durchzuführen, indem sie an die Übungen erinnert, bei der Durchführung hilft und Fortschritte dokumentiert.

Besonders bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder körperlichen Handicaps ist diese Unterstützung wertvoll. Die Betreuungskraft kann einfache Übungen in den Tagesablauf integrieren und dafür sorgen, dass regelmäßige Toilettengänge stattfinden, was die Kontinenz verbessert.

Wenn Sie sich für häusliche Betreuung interessieren und mehr über die Möglichkeiten erfahren möchten, können Sie sich unverbindlich beraten lassen. Eine professionelle Vermittlung hilft Ihnen, eine passende Betreuungskraft zu finden, die auf Ihre individuellen Bedürfnisse eingeht.

Häufig gestellte Fragen zu Beckenbodentraining bei Inkontinenz

Kann Beckenbodentraining auch schaden oder die Inkontinenz verschlimmern?

Bei korrekter Ausführung ist Beckenbodentraining nicht schädlich. Allerdings kann falsch ausgeführtes Training die Situation verschlechtern: Wenn Sie dauerhaft zu viel Spannung aufbauen und nie vollständig entspannen, kann der Beckenboden verkrampfen. Dies führt paradoxerweise zu Inkontinenz, weil die Muskeln nicht mehr flexibel reagieren können. Auch das Mitanspannen falscher Muskelgruppen (Bauch, Gesäß) kann kontraproduktiv sein. Wenn Sie unsicher sind, lassen Sie sich von einer spezialisierten Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten anleiten. Bei Schmerzen während des Trainings sollten Sie sofort aufhören und fachlichen Rat einholen.

Wie lange muss ich nach einer Geburt warten, bevor ich mit Beckenbodentraining beginnen kann?

Die ersten 6-8 Wochen nach der Geburt sollten Sie Ihrem Körper Ruhe gönnen und sich auf die Rückbildung konzentrieren. Sanfte Wahrnehmungsübungen können Sie aber bereits früher beginnen, etwa ab der 2. Woche: Einfach bewusst wahrnehmen, ob Sie den Beckenboden spüren, ohne aktiv zu trainieren. Mit aktivem Training sollten Sie erst nach der gynäkologischen Nachuntersuchung (6-8 Wochen postpartum) beginnen, wenn Ihr Arzt grünes Licht gibt. Bei einem Dammriss oder -schnitt kann es etwas länger dauern. Ein Rückbildungskurs unter professioneller Anleitung ist ideal, um das Training richtig zu beginnen. Wenn Sie bereits während der Schwangerschaft trainiert haben, fällt der Wiedereinstieg meist leichter.

Kann ich beim Beckenbodentraining etwas falsch machen, das ich nicht bemerke?

Ja, es gibt subtile Fehler, die Sie möglicherweise nicht bemerken: Manche Menschen drücken beim Versuch, den Beckenboden anzuspannen, nach unten statt nach oben – das schwächt den Beckenboden langfristig. Andere halten dauerhaft eine leichte Grundspannung, ohne es zu merken, was zu Verkrampfungen führt. Auch unvollständige Entspannung zwischen den Übungen ist ein häufiger Fehler. Um sicherzugehen, dass Sie richtig trainieren, ist es ratsam, zumindest die ersten Sitzungen unter physiotherapeutischer Anleitung zu absolvieren. Biofeedback-Geräte können ebenfalls helfen, die Muskelaktivität zu überprüfen. Wenn Sie trotz monatelangen Trainings keine Fortschritte bemerken, ist das ein Hinweis darauf, dass möglicherweise die Technik nicht stimmt.

Hilft Beckenbodentraining auch bei nächtlichem Einnässen (Nykturie)?

Nächtliches Einnässen hat oft andere Ursachen als Inkontinenz am Tag. Häufig liegt eine überaktive Blase zugrunde, die nachts zu viel Urin produziert, oder die Blasenkapazität ist reduziert. Beckenbodentraining kann unterstützend wirken, besonders wenn die Nykturie mit Dranginkontinenz zusammenhängt. Allerdings sollten Sie zusätzlich andere Maßnahmen ergreifen: Trinken Sie nach 18 Uhr nur noch wenig, vermeiden Sie Alkohol und Koffein am Abend, und gehen Sie vor dem Schlafengehen nochmals zur Toilette. Bei anhaltender Nykturie sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen, da auch Herzinsuffizienz, Diabetes oder Schlafapnoe dahinterstecken können. In manchen Fällen können Medikamente helfen, die die nächtliche Urinproduktion reduzieren.

Kann ich Beckenbodentraining mit normalem Sport kombinieren?

Ja, die Kombination ist sogar empfehlenswert. Allerdings sollten Sie in der Anfangsphase, wenn der Beckenboden noch schwach ist, Sportarten meiden, die ihn stark belasten: Hochintensives Springen, Trampolinspringen, schweres Krafttraining mit Pressatmung. Besser geeignet sind Sportarten wie Schwimmen (besonders Rückenschwimmen), Walking oder Nordic Walking, Radfahren, Yoga und Pilates (mit Fokus auf Beckenboden), und Tanzen. Viele dieser Sportarten aktivieren den Beckenboden automatisch mit. Wenn Ihr Beckenboden kräftiger geworden ist (nach 3-6 Monaten Training), können Sie auch wieder zu belastenderen Sportarten zurückkehren. Wichtig ist, dass Sie während des Sports lernen, den Beckenboden präventiv anzuspannen, besonders vor Sprüngen oder beim Heben von Gewichten.

Gibt es eine Altersgrenze für Beckenbodentraining?

Nein, es gibt keine Altersgrenze nach oben. Auch mit 80, 90 oder 100 Jahren können Sie noch von Beckenbodentraining profitieren. Studien zeigen, dass selbst hochbetagte Menschen ihre Beckenbodenmuskulatur kräftigen können. Der Muskelaufbau dauert im höheren Alter möglicherweise etwas länger, und die Übungen müssen eventuell angepasst werden, aber die Prinzipien bleiben dieselben. Wichtig ist, dass Sie mit realistischen Erwartungen herangehen: Vollständige Kontinenz ist vielleicht nicht immer erreichbar, aber eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität ist in jedem Alter möglich. Wenn Sie körperlich sehr eingeschränkt sind, kann ein Physiotherapeut zu Ihnen nach Hause kommen und Sie anleiten. Auch eine häusliche Betreuungskraft kann beim täglichen Training unterstützen.

Wie erkenne ich, ob mein Beckenboden zu schwach oder zu verspannt ist?

Ein schwacher Beckenboden zeigt sich durch Urinverlust bei Belastung, ein Gefühl von Schwere oder Druck im Unterleib, häufiges Wasserlassen oder Schwierigkeiten, den Urinstrahl zu kontrollieren. Ein verspannter Beckenboden äußert sich anders: chronische Schmerzen im Beckenbereich, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Schwierigkeiten beim Wasserlassen (verzögerter Start, schwacher Strahl), und paradoxerweise auch Inkontinenz, weil die verkrampften Muskeln nicht mehr flexibel reagieren können. Eine spezialisierte Physiotherapeutin kann durch Tastuntersuchung feststellen, ob Ihr Beckenboden zu schwach oder zu verspannt ist. Bei Verspannung ist das Training anders: Hier liegt der Fokus auf Entspannung und Dehnung, nicht auf Kräftigung. Manchmal ist eine Kombination nötig – manche Muskelanteile sind zu schwach, andere zu verspannt.

Kann ich Beckenbodentraining machen, wenn ich einen Katheter trage?

Das hängt von der Art des Katheters ab. Bei einem Dauerkatheter, der über die Harnröhre liegt, ist Beckenbodentraining eingeschränkt möglich, aber Sie sollten es mit Ihrem Arzt besprechen. Sanfte Anspannungsübungen können helfen, die Muskulatur zu erhalten, damit Sie nach Entfernung des Katheters schneller wieder kontinent werden. Bei einem suprapubischen Katheter (durch die Bauchdecke) ist Beckenbodentraining besser möglich, da die Harnröhre frei ist. Bei intermittierender Selbstkatheterisierung ist Training sogar besonders wichtig, um die Blasenfunktion zu unterstützen. Generell gilt: Beckenbodentraining sollte bei Katheterversorgung unter fachlicher Anleitung erfolgen. Eine spezialisierte Physiotherapeutin kann ein individuelles Programm erstellen, das auf Ihre Situation abgestimmt ist.

Hilft Beckenbodentraining auch bei Stuhlinkontinenz?

Ja, Beckenbodentraining kann auch bei Stuhlinkontinenz sehr wirksam sein. Der Beckenboden verschließt nicht nur die Harnröhre, sondern auch den After. Die Übungen sind ähnlich wie bei Harninkontinenz, aber der Fokus liegt mehr auf den hinteren Anteilen des Beckenbodens. Eine spezielle Übung ist das bewusste Anspannen des Schließmuskels, als würden Sie Darmgas zurückhalten. Auch hier ist physiotherapeutische Anleitung hilfreich, um sicherzustellen, dass Sie die richtigen Muskeln trainieren. Bei Stuhlinkontinenz ist oft eine Kombination aus Beckenbodentraining, Ernährungsanpassung (um Durchfall oder Verstopfung zu vermeiden) und Biofeedback-Training am wirksamsten. Studien zeigen Erfolgsraten von 60-70% bei konsequentem Training über 3-6 Monate.

Kann ich Beckenbodentraining in der Schwangerschaft machen?

Ja, Beckenbodentraining in der Schwangerschaft ist nicht nur erlaubt, sondern sogar sehr empfehlenswert. Es bereitet den Beckenboden auf die Belastungen der Geburt vor und reduziert das Risiko für postpartale Inkontinenz um etwa 30%. Allerdings sollten Sie einige Dinge beachten: Vermeiden Sie Übungen in Rückenlage ab dem zweiten Trimester (wegen des Vena-Cava-Syndroms), trainieren Sie moderat und ohne Pressatmung, und hören Sie auf Ihren Körper – bei Schmerzen oder Unwohlsein pausieren Sie. Besonders wichtig ist das Erlernen der bewussten Entspannung des Beckenbodens, die für die Geburt essentiell ist. Ein Geburtsvorbereitungskurs mit Beckenbodenfokus ist ideal. Nach der Geburt können Sie dann nahtlos mit dem Training fortfahren.

Was ist der Unterschied zwischen Beckenbodentraining und Kegel-Übungen?

Kegel-Übungen sind eine spezielle Form des Beckenbodentrainings, benannt nach dem amerikanischen Gynäkologen Arnold Kegel, der sie in den 1940er Jahren entwickelt hat. Sie bestehen im Wesentlichen aus dem rhythmischen An- und Entspannen der Beckenbodenmuskulatur. “Beckenbodentraining” ist der Oberbegriff für alle Übungen, die den Beckenboden stärken – dazu gehören Kegel-Übungen, aber auch funktionelle Übungen in verschiedenen Positionen, Koordinationsübungen mit anderen Muskelgruppen und Übungen mit Hilfsmitteln. Modernes Beckenbodentraining ist ganzheitlicher und bezieht den Beckenboden in Alltagsbewegungen ein, während klassische Kegel-Übungen oft isoliert durchgeführt werden. Beide Ansätze sind wirksam, die Kombination ist am effektivsten.

Wie kann ich den Beckenboden im Alltag schonen und unterstützen?

Es gibt viele Möglichkeiten, Ihren Beckenboden im Alltag zu schützen: Vermeiden Sie schweres Heben, oder heben Sie richtig (in die Knie gehen, Beckenboden anspannen, beim Ausatmen heben). Behandeln Sie chronischen Husten und Verstopfung, da beides den Beckenboden dauerhaft belastet. Halten Sie ein gesundes Körpergewicht. Spannen Sie den Beckenboden präventiv an, bevor Sie niesen, husten oder lachen. Vermeiden Sie langes Stehen oder Sitzen in ungünstiger Haltung. Trinken Sie ausreichend, aber nicht übermäßig (1,5-2 Liter pro Tag). Gehen Sie zur Toilette, wenn Sie Harndrang verspüren, aber nicht vorsorglich “für alle Fälle”. Achten Sie auf eine aufrechte Körperhaltung, die den Beckenboden entlastet. Integrieren Sie Beckenboden-Aktivierung in Routinetätigkeiten (beim Zähneputzen, an der Ampel, beim Warten). Diese kleinen Gewohnheiten summieren sich und unterstützen die Wirkung Ihres Trainings erheblich.

Gibt es Apps oder Online-Programme für Beckenbodentraining?

Ja, es gibt mittlerweile viele Apps und Online-Programme für Beckenbodentraining. Gute Apps bieten strukturierte Trainingspläne, Erinnerungsfunktionen, Fortschrittsverfolgung und oft auch Erklärvideos. Manche Apps können mit Biofeedback-Geräten verbunden werden, die die Muskelaktivität messen. Empfehlenswerte Apps sind beispielsweise “Beckenbodentraining” von der Stiftung Gesundheit, “Elvie” (mit Biofeedback-Gerät für Frauen) oder “Kegel Trainer” (für Männer). Allerdings ersetzen Apps keine professionelle Anleitung, besonders am Anfang. Nutzen Sie Apps am besten ergänzend, nachdem Sie die richtige Technik von einer Physiotherapeutin gelernt haben. Der Vorteil von Apps ist, dass sie Sie täglich motivieren und an das Training erinnern – ein wichtiger Faktor für den Erfolg.

Fazit: Beckenbodentraining bei Inkontinenz – Ihr Weg zu mehr Lebensqualität

Beckenbodentraining bei Inkontinenz ist eine der wirksamsten, nebenwirkungsfreien und kostengünstigen Behandlungsmethoden, die Ihnen zur Verfügung steht. Die wissenschaftliche Evidenz ist überwältigend: 70-80% der Menschen mit Belastungsinkontinenz können durch konsequentes Training über 3-6 Monate eine deutliche Verbesserung oder sogar vollständige Heilung erreichen.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Regelmäßigkeit und der korrekten Technik. Nehmen Sie sich die Zeit, Ihren Beckenboden kennenzulernen und die richtige Anspannungstechnik zu erlernen – idealerweise unter physiotherapeutischer Anleitung. Integrieren Sie das Training in Ihren Alltag, sodass es zur Selbstverständlichkeit wird wie Zähneputzen. Die 10-15 Minuten täglichen Trainings sind eine Investition in Ihre Lebensqualität, die sich vielfach auszahlt.

Besonders wichtig ist, dass Sie nicht zu früh aufgeben. Muskelaufbau braucht Zeit, und der Beckenboden ist da keine Ausnahme. Rechnen Sie mit mindestens 6-8 Wochen bis zu ersten spürbaren Verbesserungen. Dokumentieren Sie Ihre Fortschritte, etwa durch ein Inkontinenz-Tagebuch – das motiviert und zeigt Ihnen, dass sich das Training lohnt.

Wenn Sie zusätzliche Unterstützung im Alltag benötigen, etwa weil weitere gesundheitliche Einschränkungen hinzukommen, kann professionelle häusliche Betreuung eine wertvolle Hilfe sein. Eine einfühlsame Betreuungskraft unterstützt Sie nicht nur bei der Körperpflege, sondern kann auch beim Beckenbodentraining helfen, an Übungen erinnern und dafür sorgen, dass Sie Ihre Therapie konsequent durchführen.

Denken Sie daran: Inkontinenz ist kein unvermeidbares Schicksal, mit dem Sie sich abfinden müssen. Es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten, und Beckenbodentraining ist oft der erste und wichtigste Schritt. Nehmen Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand, suchen Sie bei Bedarf professionelle Unterstützung, und geben Sie nicht auf. Ein Leben ohne die Einschränkungen durch Inkontinenz ist möglich – beginnen Sie noch heute mit Ihrem Weg dorthin.

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Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine professionelle medizinische oder therapeutische Beratung. Bei anhaltender oder schwerer Inkontinenz sollten Sie einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Die Informationen zum Beckenbodentraining sind allgemeiner Natur – lassen Sie sich für ein individuell angepasstes Trainingsprogramm von einer spezialisierten Physiotherapeutin oder einem Physiotherapeuten beraten. Alle Angaben entsprechen dem Stand 2025 und können sich ändern. Stand: November 2025

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