Pessar bei Inkontinenz: Anwendung, Arten & Erfahrungen

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Inhaltsübersicht

Ein kleiner Silikonring statt einer Operation? Für viele Frauen mit Urinverlust beim Husten, Lachen oder Tragen ist genau das eine realistische Option. Ein Pessar stützt Harnröhre, Blasenhals oder abgesunkene Organe von der Scheide aus und wirkt vom ersten Tag an, solange es getragen wird. Es lässt sich jederzeit wieder entfernen und kann mit Beckenbodentraining kombiniert werden. Ganz so einfach, wie es manchmal klingt, ist die Pessartherapie allerdings nicht: Die passende Form und Größe zu finden, braucht oft mehrere Versuche, und die Studienlage ist weniger eindeutig, als viele Ratgeber behaupten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Einsatzbereiche: Belastungsinkontinenz und Senkung von Blase, Gebärmutter oder Scheidenwand (Deszensus). Bei reiner Dranginkontinenz hilft ein Pessar in der Regel nicht.
  • Realistische Erwartung: In der großen amerikanischen ATLAS-Studie war das Pessar nach zwölf Monaten etwa so wirksam wie Beckenbodentraining; nach einem Jahr trugen aber nur noch rund 45 Prozent der Frauen ihr Pessar.
  • Anpassung beim Frauenarzt: Form und Größe werden individuell ausprobiert. Viele Frauen lernen, ihr Pessar selbst einzusetzen und zu entfernen.
  • Sicherheit: Komplikationen sind meist harmlos, etwa Ausfluss oder Druckstellen. Gefährlich wird es vor allem, wenn ein Pessar über lange Zeit vergessen wird. Regelmäßige Kontrollen sind deshalb Pflicht.
  • Kosten: Auf ärztliche Verordnung zahlt die gesetzliche Krankenkasse; die Zuzahlung beträgt 10 Prozent, mindestens 5 und höchstens 10 Euro.
  • Bei Pflegebedarf: Kann eine Frau ihr Pessar nicht mehr selbst handhaben, sind Modelle sinnvoll, die in der Praxis gewechselt werden.

Dieser Ratgeber erklärt, wie Pessare wirken, welche Formen es gibt, wie das Einsetzen Schritt für Schritt funktioniert, welche Warnzeichen Sie kennen sollten und worauf es bei älteren und pflegebedürftigen Frauen ankommt. Wie eine Belastungsinkontinenz entsteht und welche Behandlungsstufen es insgesamt gibt, beschreibt der Ratgeber Belastungsinkontinenz; einen Überblick über alle Formen gibt der Beitrag Inkontinenzarten, Hintergründe speziell für Frauen der Ratgeber Inkontinenz bei Frauen.

Was ist ein Pessar und wie wirkt es?

Ein Pessar ist ein medizinisches Hilfsmittel, meist aus Silikon, das in die Scheide eingeführt wird. Pessare werden seit Jahrhunderten zur Behandlung von Senkungsbeschwerden verwendet; moderne Modelle sind weich, flexibel und in vielen Formen und Größen erhältlich. Je nach Form wirkt ein Pessar auf zwei Arten:

  • Stütze für Harnröhre und Blasenhals: Spezielle Inkontinenzpessare haben eine Verdickung oder einen Knopf, der unter der Harnröhre liegt. Steigt beim Husten oder Niesen der Druck im Bauchraum, bleibt die Harnröhre abgestützt und besser verschlossen.
  • Stütze für abgesunkene Organe: Bei einer Senkung hebt das Pessar die vordere oder hintere Scheidenwand, die Blase oder die Gebärmutter wieder an. Das lindert Druck- und Fremdkörpergefühl und kann die Blasenentleerung verbessern.

Warum der Beckenboden überhaupt nachgibt, erklärt der Ratgeber Inkontinenz: Risikofaktoren und Prävention.

Im Unterschied zu Einlagen, die Urin nur auffangen, verhindert ein wirksames Pessar den Urinverlust mechanisch. Anders als eine Operation hinterlässt es keine dauerhaften Veränderungen: Sobald es entfernt wird, endet auch seine Wirkung.

Was die Studien zeigen

Die Datenlage zur Pessartherapie bei Inkontinenz ist überschaubar. Ein Cochrane-Review von 2014 mit acht Studien und 787 Frauen kam zu dem Schluss, dass mechanische Hilfen wie Pessare möglicherweise besser sind als keine Behandlung, die Evidenz aber schwach ist. Ob sie Beckenbodentraining überlegen sind, ließ sich nicht klären.

Die größte Einzelstudie, die amerikanische ATLAS-Studie mit 446 Frauen, verglich Pessar, Verhaltenstherapie mit Beckenbodentraining und die Kombination aus beidem (Richter et al., Obstetrics & Gynecology 2010). Nach drei Monaten schnitt die Verhaltenstherapie etwas besser ab als das Pessar allein; nach zwölf Monaten waren beide Ansätze etwa gleichwertig. Die Kombination war nicht eindeutig überlegen. Bemerkenswert: Nach einem Jahr trugen nur noch rund 45 Prozent der Frauen ihr Pessar. Für die Praxis heißt das: Ein Pessar ist eine sinnvolle Option, aber kein Selbstläufer. Gute Anpassung, Nachsorge und realistische Erwartungen entscheiden über den Erfolg.

Bei Senkungsbeschwerden ist die Pessartherapie fester Bestandteil der konservativen Behandlung. Die im Juli 2026 aktualisierte S3-Leitlinie zur Genitalsenkung nennt sie neben Beobachtung, Hormonbehandlung und Beckenbodentraining als konservative Therapieoption.

Für wen eignet sich ein Pessar?

Situation Eignung Hinweis
Belastungsinkontinenz, leicht bis mittelschwer Gut Inkontinenzpessar oder Würfelpessar; Kombination mit Beckenbodentraining sinnvoll
Urinverlust nur beim Sport Gut Pessar nur bei Bedarf einsetzen
Senkung von Blase, Gebärmutter oder Scheidenwand Gut Ring-, Schalen- oder Würfelpessar je nach Befund
Wunsch, eine Operation zu vermeiden oder aufzuschieben Gut Auch als Überbrückung, etwa bei noch bestehendem Kinderwunsch
Erhöhtes Operationsrisiko im Alter Gut Oft Modelle, die in der Praxis gewechselt werden
Reine Dranginkontinenz Meist nicht Blasentraining, Medikamente; siehe Dranginkontinenz
Mischinkontinenz Für die Belastungskomponente Drangkomponente zusätzlich behandeln
Schwere Inkontinenz mit großen Urinmengen Oft nicht ausreichend Weitere Abklärung, ggf. Operation

Wann ein Pessar nicht oder nur mit Vorsicht infrage kommt

Vor der Anpassung sollte ärztlich geklärt sein, welche Form der Inkontinenz vorliegt; welche Anzeichen dabei wichtig sind, beschreibt der Ratgeber Inkontinenz-Symptome erkennen. Gegen eine Pessartherapie sprechen akute Entzündungen der Scheide oder des Beckens, unklare Blutungen, die zuerst abgeklärt werden müssen, und offene Schleimhautdefekte. Vorsicht ist geboten, wenn die Schleimhaut nach den Wechseljahren stark verdünnt ist, wenn eine Frau Warnzeichen nicht bemerken oder mitteilen kann oder wenn regelmäßige Kontrollen nicht sichergestellt sind. In diesen Fällen ist das Pessar nicht ausgeschlossen, braucht aber eine besonders sorgfältige Begleitung.

Ein wichtiger Sonderfall: Wird eine starke Senkung durch ein Pessar zurückgedrängt, kann eine vorher „versteckte“ Belastungsinkontinenz erstmals auftreten, weil die abgesunkene Blase die Harnröhre zuvor abgeknickt hatte. Fachleute sprechen von einer larvierten oder okkulten Belastungsinkontinenz. Das ist kein Fehler des Pessars, sondern ein wichtiger Befund, auch für die Planung einer möglichen Operation.

Pessar-Arten im Überblick

Welche Form passt, hängt von der Anatomie, der Art der Beschwerden und davon ab, ob Sie das Pessar selbst wechseln möchten. Die Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Hersteller etwas.

Pessarform Typischer Einsatz Selbst wechselbar? Besonderheiten
Inkontinenzpessar (Ring oder Schale mit Verdickung, Urethrapessar) Belastungsinkontinenz Meist ja Verdickung liegt unter der Harnröhre und stützt den Blasenhals
Ringpessar Leichte bis mittlere Senkung Häufig ja Flexibel, faltbar; einige Modelle mit Stützmembran
Schalenpessar Senkung, teils mit Inkontinenz Je nach Modell Breitere Auflagefläche, verteilt den Druck
Würfelpessar Ausgeprägtere Senkung, Belastungsinkontinenz Ja, sollte täglich entfernt werden Haftet durch Unterdruck; täglich herausnehmen, sonst Gefahr von Druckgeschwüren
Gellhorn-, Keulen- oder Stielpessar Schwere Senkung Meist nein Wechsel und Kontrolle in der Praxis
Rezeptfreie Blasenstützen in Tamponform Leichte Belastungsinkontinenz, etwa beim Sport Ja In Apotheken erhältlich, als Einmal- oder Mehrwegprodukt; vorherige ärztliche Abklärung empfehlenswert

Inkontinenzpessare

Speziell für die Belastungsinkontinenz entwickelt, haben diese Pessare eine Verdickung, die beim Einsetzen nach vorn unter die Harnröhre zeigt. Sie eignen sich vor allem für Frauen ohne wesentliche Senkung. Viele Frauen setzen sie morgens ein und nehmen sie abends heraus oder tragen sie nur bei Belastung.

Ring- und Schalenpessare

Ringpessare sind die am häufigsten verwendete Form bei Senkungsbeschwerden. Sie lassen sich zusammendrücken, was das Einführen erleichtert. Schalenpessare haben eine größere Auflagefläche. Je nach Modell und Absprache können diese Formen länger getragen werden, wenn regelmäßige Kontrollen stattfinden.

Würfelpessare

Würfelpessare aus weichem Silikon haften durch leichten Unterdruck an den Scheidenwänden und stützen auch bei deutlicher Senkung zuverlässig. Sie müssen täglich, in der Regel abends, entfernt und gereinigt werden. Viele Modelle haben einen Rückholfaden. Zum Entfernen wird der Unterdruck mit dem Finger gelöst, bevor das Pessar herausgezogen wird.

Pessare für schwere Senkungen

Stiel-, Keulen- oder Gellhorn-Pessare kommen bei ausgeprägten Senkungen zum Einsatz, meist bei älteren Frauen, für die eine Operation nicht infrage kommt. Sie werden in der Regel in der Frauenarztpraxis eingesetzt, kontrolliert und gewechselt.

Anpassung, Einsetzen und Entfernen: Schritt für Schritt

Die Erstanpassung beim Frauenarzt

Vor der Anpassung untersucht die Frauenärztin, welche Art von Inkontinenz oder Senkung vorliegt. Dann werden Form und Größe ausprobiert. Nach dem Einsetzen sollen Sie sich bewegen, husten, pressen und möglichst Wasser lassen. Ein Pessar passt, wenn es sicher sitzt, nicht spürbar ist, beim Pressen nicht herausrutscht und das Wasserlassen nicht behindert. Oft sind mehrere Termine nötig, bis die richtige Kombination gefunden ist. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass die Therapie nicht funktioniert.

Beim ersten Termin lernen Sie, das Pessar selbst herauszunehmen und wieder einzusetzen, sofern die Form dafür geeignet ist. Üben Sie das unbedingt noch in der Praxis.

Selbst einsetzen

  1. Vorbereiten: Hände waschen, Pessar auf Beschädigungen prüfen und mit Wasser oder einem wasserbasierten Gleitgel befeuchten. Die Scheide lässt sich mit etwas Gel oder Östrogencreme, sofern verordnet, zusätzlich geschmeidig machen. Verwenden Sie nur Produkte, die für Silikon geeignet sind.
  2. Position: Hocken, ein Bein auf den Toilettenrand stellen oder im Liegen mit angewinkelten Beinen, je nachdem, was Ihnen leichter fällt.
  3. Einführen: Ring- und Inkontinenzpessare längs zusammendrücken und schräg nach hinten oben einführen, ähnlich wie einen Tampon. Bei Inkontinenzpessaren muss die Verdickung nach vorn zur Harnröhre zeigen. Würfelpessare leicht zusammendrücken und tief einführen.
  4. Kontrolle: Sie sollten das Pessar kaum spüren. Husten Sie probeweise. Drückt es oder sitzt es zu weit vorn, schieben Sie es etwas tiefer.

Entfernen und Reinigen

Zum Entfernen haken Sie einen Finger hinter den Rand des Pessars und ziehen es langsam heraus, bei Bedarf mit leichtem Pressen wie beim Stuhlgang. Beim Würfelpessar lösen Sie zuerst mit dem Finger den Unterdruck an einer Seite oder ziehen vorsichtig am Rückholfaden. Anschließend reinigen Sie das Pessar mit lauwarmem Wasser und einer milden, pH-neutralen Waschlotion, spülen es gut ab, lassen es trocknen und bewahren es in einer sauberen Dose auf. Auskochen oder aggressive Desinfektionsmittel sind nur erlaubt, wenn der Hersteller es ausdrücklich vorsieht.

Lässt sich das Pessar trotz Entspannung und mehrerer Versuche nicht entfernen, ziehen Sie nicht mit Gewalt. Die Frauenarztpraxis oder eine gynäkologische Notaufnahme hilft.

Wie oft wechseln, wie oft zur Kontrolle?

Versorgungsform Entfernen und Reinigen Ärztliche Kontrolle
Würfelpessar, selbst gewechselt Täglich, meist abends Nach Absprache, in der Regel einige Wochen nach der Anpassung, danach in größeren Abständen
Ring- oder Inkontinenzpessar, selbst gewechselt Nach Absprache, oft täglich oder mehrmals pro Woche Nach der Eingewöhnung regelmäßig, meist halbjährlich bis jährlich
Pessar, das in der Praxis gewechselt wird In der Praxis Engmaschig, häufig alle paar Monate

Das genaue Intervall legt Ihre Frauenärztin fest. Halten Sie Kontrolltermine auch ohne Beschwerden ein. Pessare sind nicht unbegrenzt haltbar; wann ein Austausch nötig ist, hängt vom Material und der Herstellerangabe ab. Tauschen Sie ein Pessar sofort aus, wenn es Risse, Verfärbungen oder raue Stellen zeigt.

Nebenwirkungen und Warnzeichen

Die Pessartherapie gilt als risikoarm. Die meisten Probleme sind gut behandelbar, wenn sie früh erkannt werden.

Problem Ursache Was tun?
Vermehrter Ausfluss Reaktion der Schleimhaut, häufig in den ersten Wochen Meist harmlos; bei Geruch, Juckreiz oder Verfärbung ärztlich abklären lassen; bei Brennen beim Wasserlassen an eine Blasenentzündung denken
Druckgefühl, Schmerzen Pessar zu groß oder falsch platziert Herausnehmen, neue Anpassung
Pessar rutscht heraus Pessar zu klein oder ungeeignete Form Größe oder Modell wechseln
Blutungen, Druckgeschwür Dauerdruck auf die Schleimhaut, zu lange Tragezeiten, dünne Schleimhaut Pause, ärztliche Kontrolle; lokale Östrogene fördern die Heilung
Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang Pessar drückt auf Harnröhre oder Darm Herausnehmen, Anpassung prüfen
Neu auftretender Urinverlust Larvierte Belastungsinkontinenz nach Anheben einer Senkung Ansprechen; anderes Modell oder zusätzliche Behandlung

Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe bei Blutungen, Fieber, starken Schmerzen, übelriechendem Ausfluss, wenn Sie kein Wasser lassen können oder das Pessar sich nicht entfernen lässt.

Das größte Risiko: ein vergessenes Pessar

Schwere Komplikationen wie tiefe Geschwüre, eingewachsene Pessare oder in sehr seltenen Fällen Verbindungen zwischen Scheide und Blase oder Darm (Fisteln) entstehen fast ausschließlich, wenn ein Pessar über Monate oder Jahre ohne Kontrolle in der Scheide bleibt. Betroffen sind besonders ältere Frauen, die ihr Pessar vergessen haben oder Beschwerden nicht mitteilen können. Deshalb gilt: Jedes Pessar gehört in den Medikations- und Hilfsmittelplan, Angehörige oder Pflegende sollten davon wissen, und Kontrolltermine müssen verlässlich stattfinden.

Lokales Östrogen: häufig sinnvolle Ergänzung

Nach den Wechseljahren wird die Scheidenschleimhaut dünner und empfindlicher. Eine lokale Östrogenbehandlung mit Creme oder Zäpfchen kann die Schleimhaut widerstandsfähiger machen und Druckstellen vorbeugen. Sie wird deshalb häufig begleitend zur Pessartherapie eingesetzt. Ob sie für Sie infrage kommt, klärt Ihre Frauenärztin. Mehr zu Wirkstoffen bei Inkontinenz im Ratgeber Inkontinenz-Medikamente.

Alltag mit Pessar

  • Sport: Viele Frauen setzen ein Inkontinenzpessar gezielt vor dem Sport ein. Joggen, Tanzen oder Radfahren sind mit gut sitzendem Pessar möglich.
  • Schwimmen und Sauna: Silikonpessare vertragen Wasser und Wärme; Sie können sie in der Regel tragen.
  • Toilettengang: Wasserlassen und Stuhlgang sind mit Pessar möglich. Rutscht es beim Pressen regelmäßig heraus, sollte die Anpassung überprüft werden.
  • Sexualität: Die meisten Pessare werden vor dem Geschlechtsverkehr entfernt. Einige Ringformen können nach Absprache getragen werden. Die Sicherheit vor Urinverlust empfinden viele Frauen als Entlastung. Wie Inkontinenz Selbstbild und Partnerschaft belasten kann, beschreibt der Ratgeber Inkontinenz und Psyche.
  • Menstruation: Das Pessar kann in der Regel getragen werden; Tampons lassen sich mit manchen Formen nicht gleichzeitig verwenden, dann sind Binden die Alternative.
  • Reisen: Pflegeutensilien und, wenn verordnet, ein Ersatzpessar mitnehmen.

Pessar und Beckenbodentraining kombinieren

Das Pessar wirkt sofort, das Training langfristig. Viele Frauen nutzen das Pessar als Sicherheit, während sie ihren Beckenboden über Monate kräftigen, und brauchen es später nur noch bei besonderen Belastungen. Die Anspannung des Beckenbodens gelingt mit Pessar genauso wie ohne. Wie ein strukturiertes Training aufgebaut ist, zeigt der Ratgeber Beckenbodentraining bei Inkontinenz.

Kosten und Kostenübernahme

Ein Pessar ist ein Hilfsmittel nach § 33 SGB V. Mit einer ärztlichen Hilfsmittelverordnung übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten. Sie zahlen 10 Prozent des Abgabepreises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro, jedoch nie mehr als das Pessar selbst kostet. Anpassung und Kontrolluntersuchungen sind reguläre Kassenleistungen; eine Praxisgebühr gibt es seit 2013 nicht mehr. Ein neues Pessar wird bei medizinischer Notwendigkeit erneut verordnet, etwa bei Verschleiß oder wenn eine andere Größe nötig wird.

Rezeptfreie Blasenstützen aus der Apotheke zahlen Sie in der Regel selbst. Private Krankenversicherungen erstatten nach Tarif. Sobald die Zuzahlungen eines Jahres 2 Prozent der Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt erreichen, bei schwerwiegend chronisch Kranken 1 Prozent, können Sie sich für den Rest des Jahres befreien lassen. Einen Überblick über Hilfsmittel auf Rezept bieten die Ratgeber Hilfsmittel von der Krankenkasse und Einlagen auf Rezept.

Pessar im Alter und bei Pflegebedarf

Gerade für ältere Frauen, bei denen eine Operation ein höheres Risiko bedeutet, ist das Pessar oft eine gute Wahl. Gleichzeitig steigen mit dem Alter die Anforderungen an eine sichere Versorgung.

Typische Hürden

  • Feinmotorik und Beweglichkeit: Arthrose in den Händen oder Hüften erschwert das Einsetzen und Entfernen.
  • Dünne Schleimhaut: Nach den Wechseljahren entstehen leichter Druckstellen; lokales Östrogen kann vorbeugen.
  • Gedächtnis: Bei beginnender Demenz wird das Pessar leicht vergessen, und Beschwerden werden nicht mitgeteilt. Hinweise zur Versorgung gibt der Ratgeber Inkontinenz bei Demenz.

Welche Versorgung passt?

Kann eine Frau ihr Pessar nicht mehr zuverlässig selbst wechseln, ist meist ein Modell sinnvoll, das in der Frauenarztpraxis in festen Abständen gewechselt und kontrolliert wird. Wichtig ist, dass diese Termine sicher eingehalten werden, auch wenn Begleitung zur Praxis nötig ist. Das Einsetzen und Entfernen eines Pessars ist ein Eingriff in die Intimsphäre und gehört nicht zu den Standardaufgaben von Angehörigen oder Betreuungskräften. Soll eine Angehörige dabei helfen, sollte sie von der Frauenärztin angeleitet werden und die Frau dem ausdrücklich zustimmen.

Eine über PflegeHeimat vermittelte Betreuungskraft kann die Versorgung auf andere Weise unterstützen: an Kontrolltermine erinnern und zur Praxis begleiten, bei der Intimhygiene helfen, auf Warnzeichen wie Ausfluss, Blutungen oder Unruhe achten und diese an Angehörige oder die Arztpraxis weitergeben. Welche Aufgaben Betreuungskräfte übernehmen dürfen, erklärt der Ratgeber Leistungen und Grenzen der 24-Stunden-Pflege. Wie eine Betreuung im eigenen Zuhause aussehen kann, zeigt der Ratgeber Seniorenbetreuung zu Hause; eine transparente Übersicht bietet unsere Seite Kosten der 24-Stunden-Betreuung. Ob Inkontinenz einen Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung begründet, beschreibt der Ratgeber Inkontinenz und Pflegegrad.

Alternativen und Ergänzungen zum Pessar

Behandlung Wann sinnvoll? Mehr erfahren
Beckenbodentraining Basis jeder konservativen Behandlung der Belastungsinkontinenz Beckenbodentraining
Blasentraining, angepasstes Trinken Bei Drang- und Mischinkontinenz Training und Maßnahmen im Alltag
Lokale Östrogene Nach den Wechseljahren, ergänzend Inkontinenz-Medikamente
Operation (z. B. spannungsfreies Band) Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen Inkontinenz-Operation bei Frauen
Aufsaugende Hilfsmittel Als zusätzliche Sicherheit Inkontinenz-Hilfsmittel

Einen Gesamtüberblick über alle Behandlungswege bietet der Ratgeber Inkontinenz-Behandlung. Ärztliche Ansprechpartner mit Schwerpunkt Kontinenz finden Sie über die Expertensuche der Deutschen Kontinenz Gesellschaft, spezialisierte Beckenbodenzentren sind oft an Frauenkliniken angesiedelt.

Typische Verläufe aus der Praxis

Die folgenden Beispiele sind anonymisiert und vereinfacht. Sie beschreiben typische Situationen, keine garantierten Ergebnisse.

Sport ohne Angst: Belastungsinkontinenz mit Mitte 50

Eine 55-jährige Frau verliert beim Joggen und Springen Urin. Die Frauenärztin passt ein Inkontinenzpessar an; beim ersten Modell rutscht es beim Laufen, eine Nummer größer sitzt es sicher. Die Frau setzt das Pessar vor dem Training ein und nimmt es danach heraus. Parallel beginnt sie ein Beckenbodentraining in der Physiotherapie. Nach einigen Monaten braucht sie das Pessar nur noch bei langen Läufen.

Senkung und Inkontinenz: 68 Jahre, Operation nicht gewünscht

Eine 68-jährige Frau hat ein Druckgefühl in der Scheide und verliert beim Husten Urin. Die Untersuchung zeigt eine Blasensenkung. Mit einem Würfelpessar verschwindet das Druckgefühl, der Urinverlust wird deutlich seltener. Sie lernt, das Pessar abends zu entfernen und morgens einzusetzen, und nutzt zusätzlich eine Östrogencreme. Nach drei Monaten ist das Wechseln Routine; die Kontrollen finden anfangs häufiger, später in größeren Abständen statt.

Pflegebedürftig mit beginnender Demenz: 84 Jahre

Eine 84-jährige Frau trägt wegen einer ausgeprägten Senkung seit Jahren ein Ringpessar, das sie früher selbst gewechselt hat. Mit beginnender Demenz vergisst sie das Wechseln. In Absprache mit der Familie wird das Pessar nun in der Frauenarztpraxis in festen Abständen gewechselt. Eine vermittelte Betreuungskraft, die im Haushalt lebt, erinnert an die Termine, begleitet zur Praxis und meldet der Tochter, als eines Tages bräunlicher Ausfluss auftritt. Die Ärztin behandelt eine beginnende Druckstelle, bevor Schlimmeres entsteht.

Häufige Fragen zum Pessar bei Inkontinenz

Hilft ein Pessar bei Inkontinenz?

Ein Pessar kann bei Belastungsinkontinenz und bei Urinverlust infolge einer Senkung helfen, indem es Harnröhre, Blasenhals oder abgesunkene Organe abstützt. Die Wirkung setzt sofort ein, solange das Pessar getragen wird. Die Studienlage ist allerdings begrenzt: In der ATLAS-Studie war das Pessar nach zwölf Monaten etwa so wirksam wie ein Beckenbodentraining, nach drei Monaten schnitt das Training etwas besser ab. Bei reiner Dranginkontinenz hilft ein Pessar in der Regel nicht.

Welches Pessar eignet sich bei Blasenschwäche?

Bei Belastungsinkontinenz ohne wesentliche Senkung werden meist Inkontinenzpessare mit einer Verdickung unter der Harnröhre eingesetzt. Liegt zusätzlich eine Senkung vor, kommen Würfel-, Ring- oder Schalenpessare infrage. Welche Form und Größe passt, lässt sich nur durch Ausprobieren in der Frauenarztpraxis herausfinden.

Wie lange darf ein Pessar in der Scheide bleiben?

Das hängt von der Form ab. Würfelpessare müssen täglich entfernt werden, meist abends. Ring-, Schalen- und Inkontinenzpessare können je nach Modell und ärztlicher Absprache länger getragen werden, wenn regelmäßige Kontrollen stattfinden. Vergessene Pessare, die monatelang ohne Kontrolle liegen, können schwere Komplikationen verursachen.

Tut ein Pessar weh?

Ein passendes Pessar sollte nicht wehtun und im Alltag kaum spürbar sein. In den ersten Tagen ist ein leichtes Fremdkörpergefühl möglich. Drückt es dauerhaft oder schmerzt es, ist es meist zu groß oder falsch platziert. Dann sollte die Anpassung überprüft werden.

Zahlt die Krankenkasse ein Pessar?

Ja. Mit ärztlicher Hilfsmittelverordnung übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten. Sie zahlen 10 Prozent des Preises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro. Anpassung und Kontrollen sind reguläre Kassenleistungen. Rezeptfreie Blasenstützen aus der Apotheke zahlen Sie in der Regel selbst.

Kann ich ein Pessar selbst einsetzen?

Viele Frauen lernen, ihr Pessar selbst einzusetzen und zu entfernen, besonders Inkontinenz-, Ring- und Würfelpessare. Die Technik wird bei der Anpassung in der Praxis gezeigt und geübt. Einige Formen für schwere Senkungen werden dagegen nur in der Praxis gewechselt.

Was passiert, wenn das Pessar herausfällt?

Das ist nicht gefährlich. Reinigen Sie das Pessar und setzen Sie es wieder ein, sofern Sie das gelernt haben. Fällt es wiederholt heraus, etwa beim Pressen oder Husten, ist es meist zu klein oder die Form ungeeignet. Lassen Sie die Anpassung überprüfen.

Kann ich mit Pessar Sport treiben und schwimmen?

Ja. Viele Frauen setzen ein Inkontinenzpessar gezielt vor dem Sport ein. Schwimmen und Saunabesuche sind mit Silikonpessaren in der Regel möglich. Rutscht das Pessar bei bestimmten Belastungen, sollte die Größe überprüft werden.

Kann ich mit Pessar Geschlechtsverkehr haben?

Die meisten Pessare werden vor dem Geschlechtsverkehr entfernt und danach wieder eingesetzt. Bei einigen Ringformen ist Geschlechtsverkehr nach Absprache mit der Ärztin auch mit Pessar möglich. Fragen Sie bei der Anpassung gezielt danach, wenn das für Sie wichtig ist.

Welche Warnzeichen sollte ich kennen?

Suchen Sie ärztliche Hilfe bei Blutungen, übelriechendem oder verfärbtem Ausfluss, Schmerzen, Fieber, Problemen beim Wasserlassen oder Stuhlgang oder wenn sich das Pessar nicht entfernen lässt. Diese Zeichen können auf Druckstellen, Entzündungen oder eine falsche Größe hinweisen.

Kann ein Pessar eine Inkontinenz verursachen?

Ein Pessar verursacht keine Inkontinenz, kann sie aber sichtbar machen. Hebt es eine starke Senkung an, kann eine zuvor versteckte Belastungsinkontinenz erstmals auftreten, weil die abgesunkene Blase die Harnröhre vorher abgeknickt hatte. Das ist ein wichtiger Befund, den Sie mit Ihrer Ärztin besprechen sollten.

Ist ein Pessar für ältere oder pflegebedürftige Frauen geeignet?

Ja, gerade wenn eine Operation ein erhöhtes Risiko bedeutet. Kann eine Frau ihr Pessar nicht mehr selbst wechseln, sind Modelle sinnvoll, die in der Frauenarztpraxis in festen Abständen gewechselt werden. Angehörige oder Betreuende sollten von dem Pessar wissen, an Kontrolltermine erinnern und auf Warnzeichen achten.

Kann ich ein Pessar nach einer Gebärmutterentfernung verwenden?

Ja, auch nach einer Gebärmutterentfernung ist eine Pessartherapie möglich. Durch die veränderte Anatomie kann eine andere Form oder Größe nötig sein. Informieren Sie Ihre Frauenärztin über frühere Operationen, damit sie diese bei der Anpassung berücksichtigt.

Fazit: Eine gute Option, wenn Anpassung und Nachsorge stimmen

Ein Pessar kann bei Belastungsinkontinenz und Senkungsbeschwerden spürbar helfen, ohne Operation und jederzeit umkehrbar. Es wirkt sofort und lässt sich gut mit Beckenbodentraining kombinieren. Die Studienlage ist allerdings begrenzt, und nicht jede Frau kommt dauerhaft mit einem Pessar zurecht. Entscheidend sind eine sorgfältige Anpassung, Geduld bei der Suche nach dem passenden Modell und verlässliche Kontrollen.

Für ältere und pflegebedürftige Frauen ist das Pessar oft eine besonders schonende Lösung, wenn die Versorgung gut organisiert ist: mit Wechseln in der Praxis, festen Kontrollterminen und Menschen im Umfeld, die von dem Pessar wissen und auf Warnzeichen achten.

Quellen

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Auswahl, Anpassung und Kontrolle eines Pessars gehören in ärztliche Hände; Tragezeiten und Kontrollintervalle legt Ihre Frauenärztin oder Ihr Frauenarzt fest. Die Praxisbeispiele sind vereinfacht und anonymisiert. Angaben zu Kassenleistungen können sich ändern. PflegeHeimat vermittelt Betreuungskräfte für die häusliche Betreuung und erbringt keine medizinischen oder pflegerischen Leistungen. Stand: September 2026

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