Montagmorgen, kurz vor Arbeitsbeginn: Das Krankenhaus ruft an, Ihr Vater hatte in der Nacht einen Schlaganfall. Die Gedanken rasen, und mittendrin eine ganz praktische Frage: Was sage ich meinem Arbeitgeber? Urlaub nehmen, krankmelden, einfach wegbleiben? Für genau diesen Moment gibt es die kurzzeitige Arbeitsverhinderung wegen Pflege. Sie erlaubt Ihnen, bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernzubleiben, um die Versorgung eines nahen Angehörigen zu organisieren, ohne dass Ihr Arbeitgeber zustimmen muss.
Dieser Ratgeber richtet sich an Berufstätige und beantwortet die arbeitsrechtliche Seite: wie Sie die Freistellung richtig melden (mit Muster), was Ihr Arbeitgeber verlangen darf und was nicht, wann Urlaub, Krankschreibung oder Homeoffice die bessere Wahl sind, wie Sie die zehn Tage sinnvoll einteilen und welcher Kündigungsschutz gilt. Alle Angaben sind am Gesetzestext geprüft, Stand September 2026.
Das Wichtigste in Kürze
- Recht auf Fernbleiben: Bis zu zehn Arbeitstage bei einer akut aufgetretenen Pflegesituation eines nahen Angehörigen (§ 2 Pflegezeitgesetz). Ihr Arbeitgeber muss nicht zustimmen.
- Für alle Betriebe: Keine Mindestbetriebsgröße, keine Wartezeit, auch für Teilzeitkräfte, Minijobber und Auszubildende.
- Melden statt beantragen: Sie müssen die Verhinderung und ihre voraussichtliche Dauer unverzüglich mitteilen und auf Verlangen eine Bescheinigung vorlegen, seit 2026 auch von einer Pflegefachperson.
- Geld von der Pflegekasse: Zahlt der Arbeitgeber nicht weiter, gibt es Pflegeunterstützungsgeld, 90 Prozent des ausgefallenen Nettos, höchstens 135,63 € am Tag, für bis zu zehn Arbeitstage je Kalenderjahr und pflegebedürftiger Person.
- Kündigungsschutz: Ab der Ankündigung bis zum Ende der Freistellung darf Ihr Arbeitgeber grundsätzlich nicht kündigen (§ 5 Pflegezeitgesetz).
Kurzzeitige Arbeitsverhinderung wegen Pflege: Ihr Recht nach § 2 PflegeZG
Nach § 2 Absatz 1 Pflegezeitgesetz haben Beschäftigte das Recht, bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernzubleiben, wenn das erforderlich ist, um für einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen in einer akut aufgetretenen Pflegesituation eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren oder die pflegerische Versorgung in dieser Zeit sicherzustellen. Das Gesetz nennt damit zwei Zwecke:
- Organisieren: Pflegedienst suchen, Pflegegrad beantragen, Entlassung aus der Klinik vorbereiten, Hilfsmittel besorgen, eine Betreuung zu Hause in die Wege leiten.
- Sicherstellen: Die Versorgung vorübergehend selbst übernehmen, weil noch keine andere Lösung greift.
Rechtlich ist die kurzzeitige Arbeitsverhinderung ein Leistungsverweigerungsrecht, kein Urlaubsantrag. Sie bitten nicht um Erlaubnis, sondern teilen mit, dass Sie fernbleiben. Anders als Pflegezeit und Familienpflegezeit gilt das Recht in jedem Betrieb, auch im Kleinbetrieb, und ab dem ersten Tag des Arbeitsverhältnisses.
„Akut“ heißt: plötzlich und unerwartet, etwa nach einem Schlaganfall, einem Sturz mit Fraktur, einer Krankenhausentlassung mit neuem Hilfebedarf oder wenn die bisherige Pflegeperson ausfällt. Auch bei jemandem, der schon länger einen Pflegegrad hat, kann eine neue akute Situation entstehen. Ein planbarer Umzug ins Heim oder ein Routinetermin fällt nicht darunter. Einen festgestellten Pflegegrad braucht es nicht: Es genügt, dass die Pflegebedürftigkeit voraussichtlich vorliegt (§ 7 Absatz 4 PflegeZG).
Für wen Sie sich freistellen lassen können
Nahe Angehörige im Sinne des § 7 Absatz 3 PflegeZG sind:
- Großeltern, Eltern, Schwiegereltern und Stiefeltern
- Ehegatten, Lebenspartner und Partner einer eheähnlichen oder lebenspartnerschaftsähnlichen Gemeinschaft
- Geschwister, deren Ehegatten und Lebenspartner sowie Geschwister Ihres Ehegatten oder Lebenspartners
- Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder, auch die Ihres Ehegatten oder Lebenspartners, sowie Schwiegerkinder und Enkelkinder
Nicht erfasst sind Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Cousins und Freunde. Hier bleiben nur Urlaub oder eine individuelle Absprache mit dem Arbeitgeber.
Wer Anspruch hat und wer nicht
| Personengruppe | Freistellung nach § 2 PflegeZG | Pflegeunterstützungsgeld |
|---|---|---|
| Arbeitnehmer in Voll- oder Teilzeit | ja | ja, wenn der Arbeitgeber nicht weiterzahlt |
| Minijobber | ja | ja, berechnet aus dem Minijob-Netto, entsprechend gering |
| Leiharbeitnehmer | ja, Mitteilung an den Verleiher als Arbeitgeber | ja |
| Auszubildende nach BBiG | ja | meist nein, weil die Vergütung bei unverschuldeter Verhinderung bis zu sechs Wochen weiterläuft (§ 19 BBiG) |
| Beamtinnen und Beamte | nein, es gelten die Sonderurlaubsregeln von Bund und Ländern | nein |
| Selbstständige | nein, kein Arbeitgeber | nein |
So melden Sie die Freistellung beim Arbeitgeber richtig
Das Gesetz verlangt zwei Dinge: Sie müssen Ihrem Arbeitgeber die Verhinderung und ihre voraussichtliche Dauer unverzüglich mitteilen, also ohne schuldhaftes Zögern, in der Regel noch am selben Tag. Und Sie müssen auf Verlangen eine Bescheinigung vorlegen. Eine bestimmte Form schreibt § 2 Absatz 2 PflegeZG nicht vor, ein Anruf genügt. Schicken Sie trotzdem eine kurze E-Mail hinterher. Damit ist der Zeitpunkt dokumentiert, und ab diesem Moment beginnt Ihr Kündigungsschutz.
Muster: Mitteilung der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung
Ein amtliches Formular gibt es für die Mitteilung an den Arbeitgeber nicht. Diese Vorlage können Sie anpassen:
Betreff: Kurzzeitige Arbeitsverhinderung nach § 2 Pflegezeitgesetz
Sehr geehrte Frau Muster,
wie heute Morgen telefonisch besprochen, teile ich Ihnen mit, dass ich wegen einer akut aufgetretenen Pflegesituation meiner Mutter nach § 2 Pflegezeitgesetz ab dem 6. Oktober 2026 an der Arbeitsleistung verhindert bin. Die Verhinderung wird voraussichtlich bis einschließlich 10. Oktober 2026 dauern. Sollte sich daran etwas ändern, informiere ich Sie umgehend.
Eine Bescheinigung über die Pflegebedürftigkeit und die Erforderlichkeit meiner Abwesenheit reiche ich auf Wunsch nach. Für dringende Rückfragen bin ich unter 0171 1234567 erreichbar.
Mit freundlichen Grüßen
Max Beispiel
Die voraussichtliche Dauer ist eine Schätzung. Brauchen Sie mehr Tage, teilen Sie die Verlängerung ebenso unverzüglich mit, bis zur Grenze von zehn Arbeitstagen.
Die Bescheinigung: Wer sie ausstellt und was drinstehen muss
Verlangt Ihr Arbeitgeber einen Nachweis, brauchen Sie eine Bescheinigung über die Pflegebedürftigkeit des Angehörigen und die Erforderlichkeit Ihrer Abwesenheit. Seit dem 1. Januar 2026 darf sie nicht nur ein Arzt, sondern auch eine Pflegefachperson ausstellen. Die Kosten tragen Sie selbst. Da auch die Pflegekasse für das Pflegeunterstützungsgeld eine Bescheinigung braucht, lassen Sie sich am besten gleich zwei Ausfertigungen geben, möglichst am Tag des Ereignisses. Später lässt sich die Akutheit schwer belegen.
Was Ihr Arbeitgeber darf und was nicht
| Ihr Arbeitgeber darf | Ihr Arbeitgeber darf nicht |
|---|---|
| eine Bescheinigung über Pflegebedürftigkeit und Erforderlichkeit verlangen | die Freistellung genehmigungspflichtig machen oder verweigern, wenn die Voraussetzungen vorliegen |
| die Vergütung für die Tage einbehalten, sofern kein Vertrag, Tarifvertrag oder § 616 BGB etwas anderes vorsieht | verlangen, dass Sie zuerst Urlaub oder Überstunden abbauen |
| nach der voraussichtlichen Dauer fragen | Ihnen wegen der Freistellung kündigen |
| die Entgeltangaben für die Pflegekasse bescheinigen | die Freistellung nachträglich als unentschuldigtes Fehlen werten, wenn Sie korrekt gemeldet haben |
Freistellung, Urlaub, Krankschreibung oder Homeoffice?
Viele Beschäftigte greifen im ersten Schreck zu Lösungen, die schlechter sind als die gesetzliche Freistellung. Der Vergleich zeigt, wann welcher Weg passt:
| Weg | Voraussetzung | Geld | Sinnvoll, wenn |
|---|---|---|---|
| Kurzzeitige Arbeitsverhinderung | akute Pflegesituation eines nahen Angehörigen | Pflegeunterstützungsgeld oder bezahlte Freistellung durch den Arbeitgeber | Sie vor Ort organisieren oder versorgen müssen |
| Urlaub | Zustimmung des Arbeitgebers | volles Gehalt | die zehn Tage verbraucht sind oder Sie keine Einbuße wollen und genug Urlaub haben |
| Krankschreibung | Sie selbst sind arbeitsunfähig erkrankt | Entgeltfortzahlung | die Belastung Sie selbst krank gemacht hat, nie als Ersatz für die Freistellung |
| Homeoffice oder mobile Arbeit | Vereinbarung mit dem Arbeitgeber | volles Gehalt | Sie neben der Organisation arbeitsfähig sind, etwa ab der zweiten Woche |
Eine Krankmeldung ohne eigene Erkrankung ist kein Ausweg, sondern ein arbeitsrechtliches Risiko. Wann eine Krankschreibung für pflegende Angehörige tatsächlich berechtigt ist, erklärt unser Ratgeber zur Krankschreibung pflegender Angehöriger.
Wann der Arbeitgeber trotzdem weiterzahlt
Nach § 2 Absatz 3 PflegeZG muss der Arbeitgeber nur zahlen, wenn sich das aus einem anderen Gesetz oder einer Vereinbarung ergibt. Zwei Quellen kommen infrage:
- § 616 BGB: Wer für eine „verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit“ aus einem persönlichen Grund unverschuldet an der Arbeit verhindert ist, behält seinen Lohn. Die Vorschrift wird in vielen Arbeits- und Tarifverträgen aber ausgeschlossen oder begrenzt. Ein Blick in Ihren Vertrag lohnt sich.
- Tarifvertrag: Im öffentlichen Dienst sieht § 29 TVöD bei schwerer Erkrankung eines Angehörigen, der im selben Haushalt lebt, einen bezahlten Arbeitstag im Kalenderjahr vor. Andere Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen haben eigene Regeln.
Zahlt der Arbeitgeber weiter, entfällt für diese Tage das Pflegeunterstützungsgeld. Das ist für Sie meist günstiger, denn Sie erhalten Ihr volles Gehalt.
Ihre zehn Tage: Ein Fahrplan für Berufstätige
Zehn Arbeitstage klingen nach viel, sind aber schnell verbraucht. Der folgende Fahrplan zeigt, wie Sie die Zeit so nutzen, dass Sie danach mit gutem Gefühl an den Arbeitsplatz zurückkehren. Einen allgemeinen Überblick für die ganze Familie, auch für nicht Berufstätige, gibt unser Ratgeber Plötzlich Pflegefall: Checkliste und erste Schritte.
Tag 1: Arbeitgeber informieren, Versorgung sichern
Rufen Sie Ihren Arbeitgeber an und schicken Sie die Mitteilung per E-Mail hinterher. Bitten Sie Arzt oder Klinik um die Bescheinigung. Liegt Ihr Angehöriger im Krankenhaus, nehmen Sie Kontakt zum Sozialdienst auf. Was dort zu klären ist, beschreiben unsere Ratgeber zum Entlassmanagement und zur Krankenhausentlassung, wenn Angehörige nicht allein zu Hause sein können. Prüfen Sie außerdem, ob eine Vorsorgevollmacht existiert. Falls nicht, hilft unser Beitrag Pflege-Notfall ohne Vorsorgevollmacht.
Tag 2 und 3: Pflegegrad beantragen, Überbrückung organisieren
Stellen Sie den Antrag auf einen Pflegegrad bei der Pflegekasse Ihres Angehörigen, ein Anruf genügt. Leistungen gibt es frühestens ab dem Monat der Antragstellung. Weisen Sie darauf hin, dass Sie freigestellt sind: Liegt Ihr Angehöriger im Krankenhaus, muss die Begutachtung dann in bestimmten Fällen innerhalb von fünf Arbeitstagen stattfinden. Details finden Sie im Ratgeber Pflegegrad beantragen. Bis der Bescheid da ist, überbrücken Krankenkasse, Kurzzeitpflege oder ein Pflegedienst. Welche Leistungen es ohne Pflegegrad gibt, erklärt unser Ratgeber Pflege sofort organisieren, auch ohne Pflegegrad.
Tag 3 bis 5: Pflegeunterstützungsgeld beantragen
Den Antrag stellen Sie unverzüglich bei der Pflegekasse oder dem privaten Pflegeversicherer der pflegebedürftigen Person, nicht bei Ihrer eigenen Krankenkasse. Dazu gehören das Antragsformular der Kasse, die Bescheinigung über die akute Pflegesituation und die Entgeltangaben Ihres Arbeitgebers. Fragen Sie bei der Kasse nach, in welcher Form sie die Entgeltangaben braucht. Nach der Bewilligung erhalten Sie eine Bescheinigung über Zeitraum und Höhe, die Sie Ihrem Arbeitgeber für die Lohnabrechnung vorlegen.
Tag 5 bis 8: Dauerhafte Lösung finden
Jetzt zeigt sich, ob der Hilfebedarf bleibt. Setzen Sie sich mit der Familie zusammen: Wer übernimmt welche Aufgaben, wer wohnt in der Nähe? Vergleichen Sie Pflegedienst, Tagespflege und eine 24-Stunden-Betreuung mit vermittelter Betreuungskraft. Prüfen Sie die Wohnung: Die Pflegekasse bezuschusst eine Wohnraumanpassung mit bis zu 4.180 € je Maßnahme, ein Pflegebett gibt es als Hilfsmittel.
Tag 9 und 10: Rückkehr vorbereiten
Stellen Sie einen Notfallplan mit allen Kontakten zusammen: Pflegedienst, Hausarzt, Apotheke, Nachbarn mit Schlüssel. Hilfe dabei gibt unsere Übersicht Pflege-Notfall: Wer hilft sofort?. Sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber über die Zeit danach: Sind flexible Arbeitszeiten oder mobile Arbeit möglich?
Sie müssen die Tage übrigens nicht am Stück nehmen. Solange alle Abschnitte auf dasselbe akute Ereignis zurückgehen, dürfen Sie die Freistellung aufteilen, zum Beispiel drei Tage für die Klinik und später zwei Tage für die Ankunft einer Betreuungskraft. Wie schnell eine Betreuung zu Hause starten kann, erklärt unser Beitrag zur Dauer bis zum Betreuungsbeginn.
Geld während der Freistellung: Pflegeunterstützungsgeld kurz erklärt
Das Pflegeunterstützungsgeld nach § 44a Absatz 3 SGB XI gleicht den Verdienstausfall aus, wenn der Arbeitgeber nicht weiterzahlt. Die wichtigsten Eckdaten:
| Aspekt | Regelung 2026 |
|---|---|
| Höhe | 90 % des ausgefallenen Nettoentgelts, 100 % nach einer beitragspflichtigen Einmalzahlung in den letzten zwölf Monaten |
| Höchstbetrag | 135,63 € je Arbeitstag, für zehn Tage also höchstens 1.356,30 € |
| Dauer | bis zu 10 Arbeitstage je Kalenderjahr und pflegebedürftiger Person |
| Mehrere Angehörige | teilen sich die zehn bezahlten Tage für dieselbe pflegebedürftige Person |
| Zuständig | Pflegekasse oder privater Pflegeversicherer der pflegebedürftigen Person |
| Steuer | steuerfrei, kein Progressionsvorbehalt |
| Sozialversicherung | Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung laufen weiter |
Rechenbeispiel: Bei 3.200 € netto im Monat teilt die Pflegekasse durch 30, das ergibt 106,67 € am Tag. Davon 90 Prozent sind 96,00 €, für zehn Arbeitstage also 960,00 € Pflegeunterstützungsgeld. Von diesem Betrag geht noch Ihr Anteil an den Sozialversicherungsbeiträgen ab. Bei 6.000 € netto lägen 90 Prozent bei 180,00 € am Tag, gezahlt werden aber höchstens 135,63 €.
Wie viel netto ankommt, können Sie mit dem Rechner in unserem Glossar zum Pflegeunterstützungsgeld nachrechnen. Warum Geschwister nicht jeder zehn bezahlte Tage bekommen und woher die oft genannten 20 Tage stammen, erklärt unser Ratgeber Pflegeunterstützungsgeld: 10 oder 20 Tage?. Das Pflegegeld Ihres Angehörigen und der Entlastungsbetrag von 131 € im Monat laufen unabhängig davon weiter.
Kündigungsschutz und die Zeit nach den zehn Tagen
Nach § 5 PflegeZG darf Ihr Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis von der Ankündigung an, höchstens jedoch zwölf Wochen vor dem angekündigten Beginn, bis zum Ende der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung nicht kündigen. Eine Kündigung ist in dieser Zeit nur ausnahmsweise möglich, wenn die für den Arbeitsschutz zuständige oberste Landesbehörde sie vorher für zulässig erklärt. Erhalten Sie dennoch eine Kündigung, lassen Sie sich sofort beraten: Für die Kündigungsschutzklage gilt eine Frist von drei Wochen ab Zugang.
Wenn zehn Tage nicht reichen
| Instrument | Dauer | Geld | Voraussetzung |
|---|---|---|---|
| Pflegezeit nach § 3 PflegeZG | bis zu 6 Monate, ganz oder teilweise | unbezahlt, zinsloses Darlehen des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben | mehr als 15 Beschäftigte, Ankündigung spätestens 10 Arbeitstage vorher |
| Familienpflegezeit | bis zu 24 Monate, mindestens 15 Wochenstunden | Teilzeitgehalt, ergänzend zinsloses Darlehen | mehr als 25 Beschäftigte, Ankündigung spätestens 8 Wochen vorher |
| Individuelle Vereinbarung | nach Absprache | je nach Modell | Kleinbetriebe: Antrag auf Pflegezeit möglich, der Arbeitgeber muss binnen vier Wochen antworten und eine Ablehnung begründen |
Pflegezeit und Familienpflegezeit dürfen zusammen 24 Monate je pflegebedürftigem Angehörigen nicht überschreiten. Individuelle Fragen beantwortet das Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums unter 030 20 17 91 31. Wie sich Pflege und Beruf langfristig verbinden lassen, zeigt unser Ratgeber Pflege und Beruf dauerhaft vereinbaren. Wer später selbst pflegt, sollte außerdem die Rentenpunkte durch Pflege kennen.
Praxisbeispiele: So nutzen Berufstätige die zehn Tage
Beispiel 1: Die Projektleiterin und der Sturz der Mutter
Sabine, 47, arbeitet als Projektleiterin in München. Ihre 78-jährige Mutter stürzt in Nürnberg und bricht sich den Oberschenkelhals. Sabine ruft morgens ihre Vorgesetzte an, schickt die Mitteilung per E-Mail hinterher und fährt in die Klinik. In den ersten drei Tagen klärt sie mit dem Sozialdienst die Entlassung, stellt den Pflegegrad-Antrag und beauftragt einen Pflegedienst. Am vierten Tag beantragt sie das Pflegeunterstützungsgeld und bestellt ein Pflegebett. Nach sechs Tagen ist die Versorgung stabil, Sabine kehrt zurück und arbeitet die folgende Woche zwei Tage mobil. Zwei weitere Freistellungstage nimmt sie, als ihre Mutter aus der Reha nach Hause kommt. Wie es nach einem solchen Sturz weitergeht, beschreibt unser Ratgeber Sturz mit Oberschenkelhalsbruch im Alter.
Beispiel 2: Der Ehemann mit Vier-Tage-Woche
Thomas, 58, arbeitet 30 Stunden an vier Tagen pro Woche. Seine Frau erleidet einen Schlaganfall. Da nur seine tatsächlichen Arbeitstage zählen, entsprechen zehn Arbeitstage bei ihm zweieinhalb Kalenderwochen. Er organisiert die Anschlussrehabilitation, lässt Haltegriffe im Bad anbringen und richtet das Schlafzimmer im Erdgeschoss ein. Nach der Reha braucht seine Frau Hilfe im Alltag, eine Nachbarin und ein Pflegedienst teilen sich die Einsätze. Hinweise zu diesem Krankheitsbild gibt unser Ratgeber pflegebedürftig nach Schlaganfall.
Beispiel 3: Der Tarifvertrag zahlt zuerst
Jana, 39, arbeitet im öffentlichen Dienst. Ihr Mann, mit dem sie zusammenlebt, erkrankt schwer und braucht nach der Entlassung Pflege. Für den ersten Tag erhält sie nach § 29 TVöD bezahlte Arbeitsbefreiung, für die folgenden vier Tage Pflegeunterstützungsgeld von der Pflegekasse ihres Mannes. Ihre Arbeitgeberin weist sie darauf hin, dass der bezahlte Tag der Pflegekasse gemeldet werden muss, damit es nicht zu einer Doppelzahlung kommt.
Beispiel 4: Die Tochter und die Demenz des Vaters
Claudia, 52, erfährt, dass ihr Vater verwirrt in der Nachbarschaft aufgegriffen wurde. Er kann nicht mehr allein leben. Claudia nutzt die zehn Tage, um den Pflegegrad zu beantragen, eine fachärztliche Abklärung zu vereinbaren und Versorgungsmodelle zu vergleichen. Da ihr Vater sein Haus nicht verlassen möchte, prüft sie die 24-Stunden-Pflege als Alternative zum Pflegeheim. Nach den zehn Tagen vereinbart sie mit ihrem Arbeitgeber, ihre Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren. Was in dieser Lage zu beachten ist, beschreibt unser Ratgeber Demenz eskaliert: nicht mehr allein zu Hause.
Typische Stolpersteine und wie Sie sie vermeiden
- Der Arbeitgeber reagiert ablehnend. Bleiben Sie sachlich, verweisen Sie auf § 2 PflegeZG und bieten Sie die Bescheinigung an. Bei Konflikten helfen Betriebsrat, Gewerkschaft oder eine arbeitsrechtliche Beratung.
- Die Mitteilung kommt zu spät. „Unverzüglich“ heißt sofort. Wer erst Tage später Bescheid gibt, riskiert eine Abmahnung und verschenkt Kündigungsschutz.
- Der Antrag geht an die falsche Kasse. Zuständig ist immer die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person. Bei privat Versicherten ist es deren Versicherungsunternehmen.
- Man wartet auf den Pflegegrad. Für Freistellung und Pflegeunterstützungsgeld genügt die voraussichtliche Pflegebedürftigkeit.
- Die Bescheinigung fehlt. Ohne Nachweis zur akuten Pflegesituation lehnt die Kasse ab. Gegen einen ablehnenden Bescheid können Sie innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen.
- Die eigene Belastung wird übersehen. Zehn intensive Tage zehren. Nehmen Sie Warnzeichen ernst, unser Ratgeber zum Pflege-Burnout hilft bei der Einordnung.
Wohnen Sie weit weg von Ihrem Angehörigen, planen Sie die Tage besonders gezielt. Tipps gibt unser Beitrag Betreuung aus der Ferne organisieren.
Häufige Fragen zur kurzzeitigen Arbeitsverhinderung
Muss mein Arbeitgeber der Freistellung zustimmen?
Nein. Die kurzzeitige Arbeitsverhinderung nach § 2 Pflegezeitgesetz ist ein Recht, das Sie ausüben, unabhängig von der Betriebsgröße. Sie müssen die Verhinderung und ihre voraussichtliche Dauer aber unverzüglich mitteilen und auf Verlangen eine Bescheinigung vorlegen.
Gibt es ein Formular für die kurzzeitige Arbeitsverhinderung?
Für die Mitteilung an den Arbeitgeber gibt es kein amtliches Formular, ein Anruf mit anschließender E-Mail genügt. Ein Formular brauchen Sie nur für den Antrag auf Pflegeunterstützungsgeld. Das stellt die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person bereit.
Wer stellt die Bescheinigung aus?
Ein Arzt oder, seit dem 1. Januar 2026, auch eine Pflegefachperson. Sie muss die Pflegebedürftigkeit des Angehörigen und die Erforderlichkeit Ihrer Abwesenheit bestätigen. Die Kosten tragen Sie selbst.
Muss ich erst Urlaub nehmen?
Nein. Ihr Arbeitgeber darf nicht verlangen, dass Sie zuerst Urlaub oder Überstunden abbauen. Freiwillig können Sie Urlaub und Freistellung kombinieren, etwa wenn Sie keine Einbuße beim Gehalt möchten.
Zählen Wochenenden und Feiertage mit?
Nein. Gezählt werden nur Tage, an denen Sie tatsächlich hätten arbeiten müssen. Bei einer Fünf-Tage-Woche entsprechen zehn Arbeitstage zwei Kalenderwochen, bei einer Vier-Tage-Woche zweieinhalb.
Kann ich die zehn Tage aufteilen?
Ja, solange sich alle Abschnitte auf dieselbe akute Pflegesituation beziehen. Melden Sie jeden Abschnitt unverzüglich und geben Sie im Antrag bei der Pflegekasse die genauen Arbeitstage an.
Haben Auszubildende und Minijobber Anspruch?
Beide dürfen sich freistellen lassen. Minijobber erhalten Pflegeunterstützungsgeld aus ihrem Minijob-Netto. Bei Auszubildenden läuft die Vergütung bei unverschuldeter Verhinderung nach § 19 BBiG meist weiter, deshalb entfällt das Pflegeunterstützungsgeld in der Regel.
Gilt die Freistellung auch für Beamte?
Nein. Das Pflegezeitgesetz gilt nicht für Beamtinnen und Beamte. Für sie regeln die Sonderurlaubsvorschriften des Bundes und der Länder, ob und wie lange sie für die Pflege Angehöriger freigestellt werden.
Bin ich während der Freistellung vor Kündigung geschützt?
Ja. Nach § 5 Pflegezeitgesetz darf Ihr Arbeitgeber ab der Ankündigung, höchstens zwölf Wochen vor dem angekündigten Beginn, bis zum Ende der Freistellung nicht kündigen. Ausnahmen sind nur mit Zustimmung der obersten Landesbehörde für Arbeitsschutz möglich.
Muss ich das Pflegeunterstützungsgeld versteuern?
Nein. Es ist nach § 3 Nummer 1 Buchstabe a EStG steuerfrei und unterliegt nicht dem Progressionsvorbehalt, weil es im abschließenden Katalog des § 32b EStG nicht genannt ist.
Fazit: Handeln Sie am ersten Tag, der Rest folgt Schritt für Schritt
Die kurzzeitige Arbeitsverhinderung ist das wichtigste Werkzeug für Berufstätige, die plötzlich einen Pflegefall in der Familie haben. Sie brauchen keine Genehmigung, nur eine rechtzeitige Mitteilung und auf Verlangen eine Bescheinigung. Zahlt Ihr Arbeitgeber nicht weiter, springt das Pflegeunterstützungsgeld ein, und ab der Ankündigung sind Sie vor Kündigung geschützt.
Nutzen Sie die zehn Tage als Organisationszeit: Pflegegrad beantragen, Überbrückung sichern, eine dauerhafte Lösung finden, ob mit Pflegedienst, Tagespflege oder einer vermittelten Betreuungskraft im Haushalt. Planen Sie die Rückkehr an den Arbeitsplatz von Anfang an mit. Dann müssen Sie sich nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- § 2 Pflegezeitgesetz: kurzzeitige Arbeitsverhinderung, Mitteilung und Bescheinigung
- § 3 Pflegezeitgesetz: Pflegezeit
- § 5 Pflegezeitgesetz: Kündigungsschutz
- § 7 Pflegezeitgesetz: Beschäftigte, nahe Angehörige, voraussichtliche Pflegebedürftigkeit
- § 44a SGB XI: Pflegeunterstützungsgeld
- § 616 BGB: vorübergehende Verhinderung
- § 19 BBiG: Fortzahlung der Ausbildungsvergütung
- Bundesministerium für Gesundheit: Pflegeunterstützungsgeld als Entgeltersatzleistung
- Bundesfamilienministerium: Wege zur Pflege und Pflegetelefon
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine arbeits- oder sozialrechtliche Beratung. PflegeHeimat ist eine Vermittlungsagentur für häusliche Betreuung, keine Pflegekasse. Über das Pflegeunterstützungsgeld entscheidet allein die Pflegekasse der pflegebedürftigen Person. Bei Konflikten mit dem Arbeitgeber wenden Sie sich an Betriebsrat, Gewerkschaft oder eine Fachanwältin beziehungsweise einen Fachanwalt für Arbeitsrecht. Stand: September 2026
