Sieben Uhr morgens, die Beine sind vom Liegen noch schlank – genau jetzt entscheidet sich, ob der Kompressionsstrumpf mühelos über die Ferse gleitet oder zum täglichen Kraftakt wird. Für Menschen mit Venenschwäche, Lymphödem oder nach einer Thrombose ist der Strumpf ein ärztlich verordnetes Therapiemittel. Wer aber Arthrose in den Fingern hat, sich nach einer Hüftoperation nicht mehr bücken kann oder einem Elternteil jeden Morgen helfen muss, erlebt das Anziehen als Belastung für Hände, Rücken und Geduld.
Dieser Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie Kompressionsstrümpfe anziehen, ohne Material und Gelenke zu überfordern: mit der Technik, die Pflegefachkräfte und Sanitätshäuser empfehlen, mit Anziehhilfen, die Sie auf Rezept bekommen, und mit einem klaren Überblick, wer beim Anziehen helfen darf. Außerdem erfahren Sie, was die Krankenkasse 2026 bezahlt, wie hoch die Zuzahlung ausfällt und warum das Anziehen durch einen Pflegedienst Ihr Pflegebudget nicht belastet.
Das Wichtigste in Kürze
- Der beste Zeitpunkt ist direkt nach dem Aufstehen. Über Nacht ist die Schwellung zurückgegangen; jede Stunde im Sitzen oder Stehen erschwert das Anziehen.
- Nie am Bündchen hochzerren. Der Strumpf wird bis zur Ferse umgestülpt und dann in kleinen Abschnitten hochgearbeitet. Gummierte Handschuhe verteilen das Gewebe faltenfrei.
- Anziehhilfen gibt es auf Rezept. Gleithilfen, Gestelle und Ausziehhilfen sind als Hilfsmittel verordnungsfähig, und zwar für Strümpfe aller Kompressionsklassen.
- Die Krankenkasse zahlt die Strümpfe. Bei der Erstversorgung gibt es zwei Paar, danach in der Regel alle sechs Monate eine Folgeversorgung. Die Zuzahlung beträgt 10 Prozent, mindestens 5 und höchstens 10 Euro je Hilfsmittel.
- Das Anziehen durch einen Pflegedienst ist Behandlungspflege. Seit 2018 ist es für die Kompressionsklassen I bis IV als häusliche Krankenpflege verordnungsfähig, läuft über die Krankenkasse und braucht keinen Pflegegrad.
- Eine vermittelte 24-Stunden-Betreuungskraft zieht ärztlich verordnete Strümpfe nicht an. Sie entlastet aber bei allem, was rund um die Morgenroutine anfällt, und unterstützt das selbstständige Anziehen mit Anziehhilfe.
Wie Kompressionsstrümpfe wirken und wann sie verordnet werden
Medizinische Kompressionsstrümpfe (Fachkürzel: MKS) sind Hilfsmittel nach § 33 SGB V. Sie werden ärztlich verordnet, im Sanitätshaus oder in der Apotheke angemessen und von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Mit Stütz- oder Reisestrümpfen aus der Drogerie haben sie nur das Aussehen gemeinsam.
Das Prinzip: abgestufter Druck von unten nach oben
Der Druck ist am Fesselbereich oberhalb des Knöchels am höchsten und nimmt zum Oberschenkel hin ab. Dieses Druckgefälle verengt die erweiterten Venen, sodass die Venenklappen wieder besser schließen können. Bei jedem Schritt presst die Wadenmuskulatur das Blut dann effektiver Richtung Herz – die sogenannte Wadenmuskelpumpe arbeitet gegen einen festen Widerstand. Gleichzeitig tritt weniger Flüssigkeit ins Gewebe aus, und bestehende Schwellungen können über die Lymphgefäße besser abfließen.
Daraus folgt eine praktische Konsequenz, die viele Familien unterschätzen: Kompression wirkt vor allem in Bewegung. Wer den Strumpf trägt und dabei regelmäßig geht, Fußkreisen übt oder die Zehen bewegt, holt deutlich mehr aus der Therapie heraus. Anregungen für den Alltag finden Sie in unseren Bewegungsübungen für Senioren.
Typische Gründe für eine Verordnung
Die maßgebliche medizinische Grundlage ist die S2k-Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie, die im Juli 2026 in aktualisierter Fassung veröffentlicht wurde. Häufige Indikationen sind:
- Chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) mit Schwellungen, Hautveränderungen oder schweren Beinen
- Krampfadern (Varikose) mit Beschwerden sowie die Nachbehandlung nach Venenoperationen
- Tiefe Beinvenenthrombose und die Vorbeugung eines postthrombotischen Syndroms
- Abgeheiltes oder abheilendes venöses Beingeschwür (Ulcus cruris venosum), meist mit speziellen Ulkus-Strumpfsystemen
- Lymphödem, zum Beispiel nach einer Krebsbehandlung, und Lipödem zur Schmerzlinderung
- Ödeme anderer Ursache, etwa durch Bewegungsmangel oder bestimmte Medikamente
Warum Beine im Alter überhaupt anschwellen und welche Warnzeichen auf eine ernste Ursache hindeuten, erklärt unser Ratgeber Wasser in den Beinen im Alter.
Wann Kompression nicht angewendet werden darf
Ein Kompressionsstrumpf ist kein harmloses Wäschestück. Die Leitlinie nennt Situationen, in denen Kompression nicht angewendet werden soll, weil sie mehr schaden als nützen würde:
- Fortgeschrittene arterielle Durchblutungsstörung der Beine (pAVK), etwa wenn der Knöchel-Arm-Index unter 0,5 oder der Knöchelarteriendruck unter 60 mmHg liegt. Hier fehlt dem Gewebe ohnehin Blut; zusätzlicher Druck kann es schädigen.
- Dekompensierte Herzschwäche (Stadium NYHA III und IV), weil die Kompression Blutvolumen Richtung Herz verschiebt.
- Septische Venenentzündung und die seltene, schwere Thromboseform Phlegmasia coerulea dolens.
Vorsicht ist außerdem bei nässenden Hauterkrankungen, Materialunverträglichkeiten, ausgeprägten Empfindungsstörungen (etwa bei diabetischer Polyneuropathie) und fortgeschrittener rheumatoider Arthritis geboten. Deshalb gilt: Kompressionsstrümpfe nie auf eigene Faust mit höherer Klasse kaufen, und Beschwerden wie kalte, blasse oder bläuliche Zehen immer ärztlich abklären lassen.
Kompressionsstrumpf, Stützstrumpf, Thrombosestrumpf: der Unterschied
Im Alltag werden die Begriffe oft vermischt. Für die Kostenübernahme und für die Frage, wer beim Anziehen helfen darf, ist die Unterscheidung aber entscheidend:
| Strumpfart | Zweck | Druckprofil | Kostenträger |
|---|---|---|---|
| Medizinischer Kompressionsstrumpf (MKS) | Therapie von Venen- und Lympherkrankungen bei mobilen Menschen | Genormt nach Kompressionsklassen, von unten nach oben abnehmend | Gesetzliche Krankenkasse auf ärztliche Verordnung |
| Medizinischer Thromboseprophylaxestrumpf (MTPS, „Thrombosestrumpf“) | Thrombosevorbeugung bei überwiegend liegenden Menschen, etwa im Krankenhaus | Deutlich geringerer Druck, auf Bettlägerigkeit ausgelegt | Im Krankenhaus Teil der Behandlung; ambulant ärztlich zu klären |
| Stützstrumpf, Reisestrumpf | Wohlbefinden bei gesunden Venen, etwa bei langem Stehen | Nicht medizinisch genormt | Privat |
Ein Thrombosestrumpf ersetzt bei mobilen Menschen keinen Kompressionsstrumpf, und umgekehrt ist ein Kompressionsstrumpf für Bettlägerige nicht ohne Weiteres geeignet. Stützstrümpfe anziehen können Sie wie eine feste Strumpfhose; die im Folgenden beschriebene Technik lohnt sich aber auch hier.
Kompressionsklassen und Strickarten im Überblick
Medizinische Kompressionsstrümpfe werden in vier Kompressionsklassen (KKL, international CCL) eingeteilt. Die Werte beziehen sich auf den Ruhedruck im Fesselbereich und folgen den Vorgaben des Hilfsmittelverzeichnisses und der RAL-Gütezeichen-Prüfbestimmungen.
| Kompressionsklasse | Druck im Fesselbereich | Typische Einsatzbereiche | Was das für das Anziehen bedeutet |
|---|---|---|---|
| KKL I (leicht) | 18–21 mmHg | Leichte venöse Beschwerden, Schweregefühl, beginnende Ödeme | Mit Technik meist gut selbst machbar |
| KKL II (mittel) | 23–32 mmHg | Die am häufigsten verordnete Klasse, etwa bei Krampfadern, CVI und nach Thrombose | Übung nötig; bei nachlassender Handkraft oft mit Anziehhilfe |
| KKL III (kräftig) | 34–46 mmHg | Ausgeprägte CVI, Lymphödem, schwere Ödeme | Für viele ältere Menschen nur mit Anziehhilfe oder Unterstützung |
| KKL IV (sehr kräftig) | ab 49 mmHg | Schwere Lymphödeme | In der Regel mit Hilfe; Alternativen mit dem Arzt besprechen |
Die Klasse legt allein der Arzt fest. Eine höhere Klasse ist nicht automatisch besser: Ein Strumpf, der morgens nicht angezogen werden kann, wirkt überhaupt nicht. Sprechen Sie offen an, wenn das Anziehen nicht gelingt – es gibt Alternativen, die weiter unten beschrieben sind.
Rundgestrickt oder flachgestrickt
Die meisten Strümpfe sind rundgestrickt: nahtlos, dünn, elastisch und als Serienprodukt oder Maßanfertigung erhältlich. Sie werden vor allem bei Venenerkrankungen eingesetzt. Flachgestrickte Strümpfe werden nach Maß gefertigt, haben eine Naht und ein festeres, weniger dehnbares Gestrick. Sie kommen zum Einsatz, wenn die Beinform stark vom Standard abweicht, bei tiefen Hautfalten oder bei Lymph- und Lipödemen. Das festere Material hält Ödeme besser in Schach, lässt sich aber anders anziehen: Es gleitet weniger und muss konsequenter abschnittsweise hochgearbeitet werden.
Die Strumpfformen
Im Rezept und im Sanitätshaus begegnen Ihnen Kürzel, die die Länge beschreiben:
- Wadenstrumpf (A–D): reicht bis knapp unter das Knie und ist die häufigste und am leichtesten anzuziehende Form.
- Halbschenkelstrumpf (A–F): endet in der Mitte des Oberschenkels.
- Schenkelstrumpf (A–G): reicht bis zum Oberschenkelansatz, meist mit Silikon-Haftband.
- Strumpfhose (A–T): auch als Kompressionsstrumpfhose oder mit Leibteil, etwa bei Ödemen bis in die Leiste.
- Armstrumpf: bei Lymphödemen am Arm, häufig nach Brustkrebsbehandlung.
Zusätzlich wählt der Arzt eine offene oder geschlossene Fußspitze. Offene Spitzen sind bei Zehenfehlstellungen, eingewachsenen Nägeln oder Druckempfindlichkeit angenehmer und erleichtern das Anziehen mit Gleithilfe.
Kompressionsstrümpfe: Wann anziehen?
Die kurze Antwort lautet: morgens, bevor die Beine zum ersten Mal länger nach unten hängen. Im Liegen fließt über Nacht Flüssigkeit aus dem Gewebe ab. Schon nach wenigen Minuten im Stehen oder Sitzen sammelt sie sich wieder in Knöcheln und Unterschenkeln. Das Bein wird dicker, der Strumpf lässt sich schwerer anziehen, und er drückt stärker an Stellen, an denen er es nicht soll.
In der Praxis bewähren sich drei Regeln:
- Anziehen im Schlafzimmer, nicht erst nach dem Frühstück. Beine kurz waschen, gut abtrocknen und dann den Strumpf anziehen. Duschen oder Baden verschieben Sie auf den Abend, sonst ist die Haut feucht und das Bein durch die Wärme geschwollen.
- Wer später anziehen muss, legt vorher die Beine hoch. Kommt der Pflegedienst etwa erst gegen neun Uhr, hilft es, die Beine bis dahin im Bett oder auf einem Hocker hochzulagern. Die Schwellung bleibt so geringer.
- Getragen wird bis zum Zubettgehen. Tragedauer und Pausen legt der Arzt fest. Abends wird der Strumpf ausgezogen, die Haut gepflegt und der Strumpf gewaschen.
Kompressionsstrümpfe anziehen: Schritt-für-Schritt-Anleitung
Die folgende Technik entspricht dem Vorgehen, das Sanitätshäuser bei der Abgabe zeigen. Sie funktioniert für Wadenstrümpfe ohne Hilfsmittel und bildet auch die Grundlage für längere Strümpfe.
Vorbereitung
- Ringe, Armbänder und Uhren ablegen; Fingernägel kurz und glatt halten. Raue Fußsohlen und Fersen am Vorabend pflegen, damit keine Hornhaut das Gewebe aufraut.
- Die Beine sollen trocken sein. Cremen Sie abends ein, nicht morgens; Pflegeprodukte auf der Haut lassen den Strumpf haften und können das Material angreifen.
- Gummierte Handschuhe bereitlegen – spezielle Anziehhandschuhe aus dem Sanitätshaus oder einfache Haushaltshandschuhe mit Noppen.
- Einen stabilen Stuhl mit Armlehnen oder die Bettkante wählen. Im Stehen auf einem Bein anzuziehen ist wegen der Sturzgefahr tabu, besonders bei Schwindel, Parkinson oder nach einem Schlaganfall.
Wadenstrumpf ohne Hilfsmittel anziehen
- Strumpf bis zur Ferse umstülpen. Greifen Sie mit einer Hand in den Strumpf bis zur Fersentasche, fassen Sie die Ferse von innen und ziehen Sie den Strumpf mit der anderen Hand darüber auf links. Der Fußteil bleibt innen, der Beinteil liegt nun umgestülpt darüber.
- In den Fußteil schlüpfen. Ziehen Sie den Fußteil mit beiden Händen weit auf und schieben Sie den Fuß bis zur Ferse hinein. Die Fersentasche des Strumpfes muss genau auf der Ferse sitzen, die Naht beziehungsweise das Muster darf nicht verdreht sein.
- Über die Ferse zurückkrempeln. Fassen Sie den umgestülpten Rand und ziehen Sie ihn über die Ferse nach oben. Das ist der kritische Moment, bei dem die meiste Kraft nötig ist. Den Fuß dabei leicht strecken.
- Abschnittsweise hocharbeiten. Schieben Sie das Gewebe mit flachen Händen in kleinen Portionen Richtung Knie, statt am Bündchen zu ziehen. Zerren am Rand überdehnt das Material und verteilt den Druck falsch.
- Glätten mit Handschuhen. Streichen Sie mit den gummierten Handschuhflächen von unten nach oben über den Strumpf, bis keine Falten mehr zu sehen sind. Das Gewebe verteilt sich dabei gleichmäßig.
- Abschluss prüfen. Der Wadenstrumpf endet etwa zwei Fingerbreit unterhalb der Kniekehle. Er darf nicht bis in die Kniekehle hochgezogen oder am Rand umgeschlagen werden, weil ein doppelt liegender Rand wie eine Schnürung wirkt.
Schenkelstrumpf und Kompressionsstrumpfhose anziehen
Bei Schenkelstrümpfen arbeiten Sie nach dem Unterschenkel über das leicht gebeugte Knie weiter und verteilen das Material gleichmäßig am Oberschenkel. Das Silikon-Haftband muss flach und direkt auf der Haut liegen; es darf nicht umgeschlagen und nicht mit Creme in Berührung gebracht werden, sonst verliert es seinen Halt. Hält das Band trotzdem nicht, können Hautkleber oder eine Hüftbefestigung verordnet werden.
Eine Kompressionsstrumpfhose anzuziehen verlangt am meisten Geduld. Bewährt hat sich folgender Ablauf: Beide Beinteile nacheinander wie beschrieben bis zum Knie anziehen, dann im Sitzen abwechselnd beide Seiten bis zum Oberschenkel hocharbeiten. Erst zum Schluss aufstehen – mit festem Halt an einem Tisch oder Rollator – und das Leibteil über das Gesäß ziehen. Liegt die betroffene Person im Bett, kann eine helfende Person das Leibteil hochziehen, während die Hüfte kurz angehoben wird.
Kompressionsstrümpfe richtig ausziehen
Das Ausziehen ist leichter, aber nicht weniger wichtig für die Haltbarkeit. Fassen Sie den oberen Rand und stülpen Sie den Strumpf nach unten um, bis er an der Ferse hängt. Dann über die Ferse schieben und abstreifen. Ziehen Sie nicht an der Fußspitze – das überdehnt den Fußteil. Wem das Bücken schwerfällt, dem erleichtert eine Ausziehhilfe mit langem Stiel die Arbeit.
So sitzt der Strumpf richtig: Kontrolle in 30 Sekunden
- Keine Falten, besonders nicht im Fußrücken, an der Knöchelbeuge und in der Kniekehle.
- Die Fersentasche sitzt auf der Ferse, nicht darüber oder seitlich verdreht.
- Der obere Rand liegt glatt und ist nicht umgeschlagen.
- Bei offener Fußspitze liegt der Abschluss glatt über den Zehengrundgelenken, ohne einzuschneiden.
- Die Zehen sind warm und rosig, es kribbelt nichts. Werden Zehen kalt, blass oder bläulich oder treten Schmerzen und Taubheit auf, muss der Strumpf sofort herunter.
Kompressionsstrümpfe anziehen: Tricks aus der Pflegepraxis
- Gleitsocke statt Plastiktüte: Eine glatte Gleithilfe aus Nylon oder Seide wird über den Fuß gezogen, der Strumpf gleitet darüber, anschließend zieht man die Gleithilfe durch die Fußspitze heraus. Bei offener Fußspitze funktioniert das besonders gut. Improvisierte Plastiktüten gehen zwar auch, reißen aber leicht und hinterlassen schnell Falten.
- Handschuhe sind wichtiger als Kraft: Mit Noppenhandschuhen lässt sich das Gewebe greifen und verteilen, ohne es mit Fingernägeln zu beschädigen. Viele Laufmaschen entstehen genau hier.
- Ferse zuerst, Rest später: Wer zuerst nur den Fuß und die Ferse positioniert und kurz durchatmet, schont die Hände. Die Kraft wird für das Zurückkrempeln über die Ferse gebraucht, nicht für den Rest.
- Bein entlasten: Den Fuß auf einen Hocker oder die Bettkante stellen, statt ihn in der Luft zu halten. Das spart Kraft und verhindert einen Balanceverlust.
- Nicht ins Bad legen: Dampf und Wärme lassen das Bein anschwellen. Das Anziehen gehört ins kühlere Schlafzimmer.
Anziehhilfe für Kompressionsstrümpfe: Welche passt zu wem?
Lässt die Handkraft nach, schmerzen die Fingergelenke oder ist das Bücken nach einer Hüft- oder Rückenoperation nicht mehr möglich, entscheidet die richtige Anziehhilfe darüber, ob die Therapie weitergeführt werden kann. Welche Hilfe passt, hängt weniger vom Strumpf ab als von den körperlichen Fähigkeiten der Person, die ihn anzieht.
| Anziehhilfe | So funktioniert sie | Geeignet bei | Voraussetzungen |
|---|---|---|---|
| Gleithilfe (Gleitsocke, Gleitfolie) | Glattes Material über dem Fuß reduziert die Reibung; danach wird die Gleithilfe herausgezogen | Allen Strumpfformen, besonders bei offener Fußspitze; auch für Helfende | Etwas Fingerkraft; die Person muss den Fuß erreichen oder eine Helferin tut es |
| Gestell-Anziehhilfe („Butler“) | Der Strumpf wird auf ein Metall- oder Kunststoffgestell aufgezogen; man steigt hinein und zieht das Gestell an den Griffen hoch | Eingeschränkter Handkraft, Arthrose, Rheuma | Ausreichende Hüftbeweglichkeit, sicheres Sitzen |
| Anziehhilfe mit langen Griffen oder Teleskopstangen | Wie der Butler, aber mit verlängerten Bügeln | Eingeschränktem Bücken, etwa nach Hüft- oder Rückenoperation, oder starkem Übergewicht | Sicheres Sitzen, Kraft in den Armen |
| Anziehhandschuhe | Gummierte Handschuhe greifen und verteilen das Gewebe | Allen Strümpfen, als Ergänzung zu jeder anderen Hilfe | Keine besonderen |
| Ausziehhilfe | Stab mit Haken oder Gleitteil schiebt den Strumpf über die Ferse | Menschen, die sich abends nicht bücken können | Sicheres Sitzen |
Lassen Sie sich die Hilfe im Sanitätshaus zeigen und probieren Sie sie dort aus. Eine Gestell-Anziehhilfe, die zu Hause niemand bedienen kann, landet schnell im Schrank. Wo Sie Hilfsmittel am besten beziehen, vergleicht unser Beitrag Apotheke oder Sanitätshaus.
Anziehhilfen auf Rezept
An- und Ausziehhilfen sind im Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung gelistet (Produktgruppe 02) und können ärztlich verordnet werden – unabhängig von der Kompressionsklasse. Die Verordnung erfolgt auf einem eigenen Rezept mit Diagnose. Typische Begründungen sind Arthrose oder Rheuma der Hände, altersbedingte Kraftminderung, Lähmungen, eingeschränkte Hüft- oder Wirbelsäulenbeweglichkeit oder starkes Übergewicht. Auch die Häusliche-Krankenpflege-Richtlinie verlangt, die Verordnung von Anziehhilfen in Betracht zu ziehen, um das selbstständige An- und Ausziehen zu ermöglichen. Wie sich Hilfsmittel der Krankenkasse von Pflegehilfsmitteln der Pflegekasse unterscheiden, lesen Sie im Ratgeber Hilfsmittel von der Krankenkasse.
Wenn es trotz Anziehhilfe nicht gelingt: Alternativen mit dem Arzt besprechen
Nicht jede Versorgung muss aus einem einzigen, sehr festen Strumpf bestehen. Sprechen Sie mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt über diese Möglichkeiten:
- Zwei Strümpfe niedrigerer Klasse übereinander: In begründeten Fällen kann statt eines Strumpfes der KKL III eine Kombination leichterer Strümpfe verordnet werden. Jeder einzelne lässt sich deutlich leichter anziehen.
- Ulkus-Strumpfsysteme: Sie bestehen aus einem dünnen Unterziehstrumpf, der Tag und Nacht getragen werden kann, und einem Überziehstrumpf für den Tag.
- Medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK): Das sind verstellbare Bandagen mit Klettverschlüssen, die sich ohne Kraftaufwand anlegen und nachjustieren lassen. Die aktualisierte Leitlinie empfiehlt sie inzwischen nicht nur für die Entstauungsphase, sondern auch für die längerfristige Therapie.
- Reißverschluss: Bei Maßanfertigungen kann ein Reißverschluss als Zusatz verordnet werden, wenn das Anziehen anders nicht möglich ist.
Rückenschonend helfen: Tipps für pflegende Angehörige
Wer einem Elternteil oder dem Partner jeden Morgen die Strümpfe anzieht, arbeitet in einer der ungünstigsten Körperhaltungen überhaupt: vorgebeugt, mit gestreckten Armen und Kraft aus den Fingern. Über Monate führt das zu Nacken- und Rückenschmerzen und nicht selten zu Sehnenscheidenentzündungen in den Händen.
- Auf Augenhöhe mit dem Bein arbeiten: Setzen Sie sich auf einen niedrigen Hocker vor die sitzende Person oder lassen Sie sie im Bett liegen, wenn das Bett höhenverstellbar ist. Ein Pflegebett lässt sich auf Arbeitshöhe bringen und ist bei entsprechendem Bedarf über die Pflegekasse erhältlich.
- Kraft aus dem Körper, nicht aus den Fingern: Arme nah am Körper halten, das Gewebe mit den Handflächen schieben und dabei das eigene Gewicht leicht nach hinten verlagern.
- Hilfsmittel auch für Helfende: Gleithilfe und Anziehhandschuhe entlasten nicht nur die Betroffenen, sondern vor allem die Hände der helfenden Person.
- Mitmachen lassen: Kann Ihr Angehöriger den Fuß selbst in den Strumpf schieben oder das Bein anheben, lassen Sie ihn das tun. Das erhält Beweglichkeit und Selbstwertgefühl – ganz im Sinne der aktivierenden Pflege.
- Technik zeigen lassen: Pflegekassen bieten nach § 45 SGB XI kostenlose Pflegekurse und individuelle Schulungen in der eigenen Wohnung an. Details erfahren Sie in unserem Ratgeber zum kostenlosen Pflegekurs nach § 45 SGB XI. Auch die Anleitung durch einen Pflegedienst kann im Rahmen der häuslichen Krankenpflege verordnet werden.
Die täglichen, scheinbar kleinen Handgriffe summieren sich. Wer merkt, dass die morgendliche Hilfe dauerhaft an die Substanz geht, sollte das ernst nehmen, bevor die eigene Gesundheit leidet. Warnzeichen und Auswege beschreibt unser Ratgeber zum Pflege-Burnout.
Wer darf beim Anziehen helfen? Pflegedienst, Angehörige und Betreuungskraft
Die Frage klingt banal, hat aber rechtliche und finanzielle Folgen. Das An- und Ausziehen ärztlich verordneter Kompressionsstrümpfe gilt als medizinische Behandlungspflege – nicht als normale Hilfe beim Ankleiden.
Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten
Gelingt das Anziehen mit Technik und Anziehhilfe selbst, ist das der beste Weg. Die Bewegungen trainieren Beweglichkeit und Koordination, und die Morgenroutine bleibt unabhängig von Einsatzzeiten anderer. Voraussetzung ist ein sicherer Sitzplatz, damit aus der Selbstständigkeit kein Sturzrisiko wird.
Angehörige
Angehörige dürfen Kompressionsstrümpfe anziehen. Für die häusliche Behandlungspflege gibt es keinen Fachkraftvorbehalt; wichtig ist eine gute Anleitung. Rechtlich gilt sogar: Der Anspruch auf häusliche Krankenpflege besteht nach § 37 Abs. 3 SGB V nur, soweit eine im Haushalt lebende Person die Versorgung nicht übernehmen kann. Niemand ist aber verpflichtet, etwas zu übernehmen, das er gesundheitlich oder zeitlich nicht leisten kann. Wie die Krankenkasse das prüft und wie Sie reagieren, wenn eine Verordnung mit Verweis auf Haushaltsangehörige abgelehnt wird, erklärt unser Ratgeber zur Behandlungspflege.
Der Pflegedienst über die häusliche Krankenpflege
Seit dem 5. April 2018 ist das An- und Ausziehen ärztlich verordneter Kompressionsstrümpfe und -strumpfhosen der Kompressionsklassen I bis IV eine verordnungsfähige Leistung der häuslichen Krankenpflege. Heute ist sie in Nummer 31b des Leistungsverzeichnisses der Häusliche-Krankenpflege-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses geregelt. Verordnet werden kann jeweils einmal täglich das Anziehen und das Ausziehen, wenn die betroffene Person die Strümpfe nicht fachgerecht selbst an- oder ausziehen kann, zum Beispiel wegen
- einer erheblichen Einschränkung der Grob- und Feinmotorik der Hände und Arme,
- einer so starken Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit, dass die Kraft fehlt,
- einer starken Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit oder eines Realitätsverlusts, etwa bei fortgeschrittener Demenz.
Die Einschränkung muss aus der Verordnung hervorgehen. Drei Punkte sind für Familien besonders wichtig:
- Kein Pflegegrad nötig: Die Leistung kommt von der Krankenkasse und steht auch Menschen ohne Pflegegrad zu.
- Kein Pflegebudget verbraucht: Das Anziehen verordneter Strümpfe wird nicht über die Pflegesachleistung abgerechnet. Prüfen Sie die Rechnungen des Pflegedienstes darauf, dass diese Leistung bei der Krankenkasse landet.
- Nicht verordnete Strümpfe bleiben Grundpflege: Das Anziehen von frei gekauften Stützstrümpfen oder von Antithrombosestrümpfen ohne ärztliche Verordnung zählt weiterhin zur Grundpflege und läuft damit über die Pflegekasse.
Der praktische Haken bleibt die Uhrzeit. Pflegedienste planen ihre Morgenrunden eng, und nicht jeder kann garantieren, direkt nach dem Aufwachen da zu sein. Fragen Sie bei der Auswahl gezielt nach frühen Einsätzen und legen Sie die Beine bis zum Eintreffen hoch.
Was eine vermittelte 24-Stunden-Betreuungskraft übernehmen kann – und was nicht
Eine vermittelte Betreuungskraft ist in Deutschland keine anerkannte Pflegefachkraft. Das Anziehen ärztlich verordneter Kompressionsstrümpfe gehört als Behandlungspflege deshalb nicht zu ihrem Aufgabenbereich; das übernimmt der Pflegedienst oder eine angeleitete angehörige Person. Warum diese Grenze besteht und wie eine Delegation im Einzelfall aussehen müsste, erklärt unser Ratgeber Was darf eine 24-Stunden-Pflegekraft?.
Wertvoll ist die Betreuungskraft trotzdem, und zwar genau an den Stellen, an denen die Kompressionstherapie im Alltag scheitert: Sie reicht Anziehhilfe und Handschuhe an, wenn Ihr Angehöriger den Strumpf mit dem Gestell selbst anzieht, sorgt dafür, dass die Beine bis zum Besuch des Pflegedienstes hochgelagert bleiben, begleitet Spaziergänge, erinnert an Bewegungsübungen und achtet auf Veränderungen wie Rötungen, Einschnürungen oder zunehmende Schwellungen, die sie an Angehörige und Pflegedienst weitergibt. Wie beide Versorgungsformen zusammenspielen, zeigt der Beitrag Ambulanten Pflegedienst mit 24-Stunden-Pflege kombinieren.
| Aufgabe | Betroffene Person selbst | Angehörige | Pflegedienst | Vermittelte Betreuungskraft |
|---|---|---|---|---|
| Verordnete Kompressionsstrümpfe an- und ausziehen | Ja, gegebenenfalls mit Anziehhilfe | Ja, nach Anleitung | Ja, auf Verordnung über die Krankenkasse | Nein |
| Anziehhilfe und Handschuhe bereitlegen und anreichen | – | Ja | Ja | Ja |
| Beine hochlagern, zur Bewegung motivieren | Ja | Ja | Ja | Ja |
| Haut beobachten und Auffälligkeiten melden | Ja | Ja | Ja, mit fachlicher Beurteilung | Ja, beobachten und weitergeben |
| Strümpfe waschen und trocknen | Ja | Ja | Nur begrenzt | Ja, als Teil der Hauswirtschaft |
Kompressionsstrümpfe bei Demenz: wenn der Strumpf abgelehnt wird
Menschen mit Demenz empfinden den festen Druck oft als fremd oder bedrohlich. Manche ziehen die Strümpfe im Laufe des Vormittags wieder aus, andere wehren sich schon beim Anziehen. Ermahnungen helfen selten, Strategien dagegen häufig:
- Gleiche Person, gleiche Reihenfolge: Feste Abläufe geben Sicherheit. Das Anziehen findet immer am selben Ort und im selben Rhythmus statt, zum Beispiel direkt nach dem Waschen.
- Ankündigen statt überrumpeln: Kurz und ruhig erklären, was gleich passiert, Blickkontakt halten, am Fuß beginnen. Mehr dazu im Ratgeber Kommunikation mit Demenzkranken.
- Mit etwas Angenehmem verbinden: Ein Lieblingslied, das anschließende Frühstück oder ein vertrautes Gespräch nehmen dem Vorgang die Anspannung.
- Druck- und Wärmegefühl ernst nehmen: Hinter der Ablehnung stecken oft echte Gründe wie Schmerzen, eine zu hohe Klasse, schlecht sitzende Größen oder Hitze. Lassen Sie Sitz und Klasse überprüfen und fragen Sie nach offenen Fußspitzen, anderen Materialien oder Klettsystemen.
- Diskret kontrollieren: Werfen Sie im Laufe des Vormittags unauffällig einen Blick auf die Beine. Ein halb heruntergerollter Strumpf schnürt ein und schadet mehr, als er nützt.
Eskaliert die Situation regelmäßig, ist eine Pause besser als ein Kampf. Wie Sie mit Abwehr umgehen, ohne die Beziehung zu belasten, beschreibt unser Ratgeber zu Aggression und Abwehrverhalten bei Demenz. Bei starker Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit ist zudem die Verordnung des An- und Ausziehens durch einen Pflegedienst möglich.
Kompressionsstrümpfe und Krankenkasse: Was wird übernommen?
Medizinische Kompressionsstrümpfe sind Hilfsmittel der gesetzlichen Krankenversicherung und in der Produktgruppe 17 des Hilfsmittelverzeichnisses gelistet. Die Verordnung belastet nicht das Arzneimittelbudget der Praxis. Verordnet werden können alle vier Kompressionsklassen.
Verordnung und Versorgung
Die Ärztin oder der Arzt stellt ein Hilfsmittelrezept aus. Darauf stehen die Diagnose, die Kompressionsklasse, die Strumpfform, die Art der Fußspitze und gegebenenfalls Zusätze wie Haftband, Maßanfertigung, Flachstrick oder die Wechselversorgung. Anziehhilfen werden auf einem eigenen Rezept verordnet. Mit dem Rezept gehen Sie zu einem Vertragspartner Ihrer Krankenkasse, meist ein Sanitätshaus oder eine Apotheke mit Kompressionsversorgung. Dort werden die Beine vermessen, am besten morgens, solange sie noch nicht geschwollen sind.
Wie viele Paare zahlt die Kasse?
Bei der Erstversorgung stehen Ihnen aus hygienischen Gründen zwei Paar zu, damit ein Paar getragen werden kann, während das andere gewaschen wird. Weil das Material bei täglichem Tragen nachlässt, sieht das Hilfsmittelverzeichnis eine Mindesthaltbarkeit von sechs Monaten vor. Danach ist in der Regel eine Folgeversorgung möglich. Ändern sich die Beinmaße deutlich, etwa durch Gewichtsabnahme oder eine erfolgreiche Entstauung, kann auch vorzeitig neu versorgt werden; der Mehrbedarf muss ärztlich begründet sein.
Zuzahlung: So viel zahlen Sie selbst
Für Hilfsmittel gilt die gesetzliche Zuzahlung nach § 61 SGB V: 10 Prozent des Abgabepreises, mindestens 5 Euro und höchstens 10 Euro je Hilfsmittel, jedoch nie mehr als das Hilfsmittel kostet. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind befreit. Die folgenden Beispiele zeigen die Rechnung mit angenommenen Preisen; der tatsächliche Betrag richtet sich nach dem Vertragspreis Ihrer Krankenkasse.
| Rechenbeispiel (angenommener Preis) | 10 Prozent | Tatsächliche Zuzahlung |
|---|---|---|
| Anziehhilfe für 40 Euro | 4,00 Euro | 5,00 Euro (Mindestbetrag) |
| Wadenstrumpf, Serienfertigung, für 70 Euro | 7,00 Euro | 7,00 Euro |
| Flachgestrickte Maßanfertigung für 220 Euro | 22,00 Euro | 10,00 Euro (Höchstbetrag) |
| Erstversorgung mit zwei Paar zu je 70 Euro plus Anziehhilfe für 40 Euro | – | 7,00 + 7,00 + 5,00 = 19,00 Euro |
Wählen Sie ein Modell, eine Farbe oder eine Ausstattung, die über das medizinisch Notwendige hinausgeht, tragen Sie die Mehrkosten selbst. Das Sanitätshaus muss Sie vorher darauf hinweisen und Ihnen eine aufzahlungsfreie Versorgung anbieten.
Befreiung über die Belastungsgrenze
Eine pauschale Befreiung speziell für Kompressionsstrümpfe gibt es nicht. Alle Zuzahlungen eines Jahres – für Medikamente, Hilfsmittel, Therapien und häusliche Krankenpflege – sind aber nach § 62 SGB V auf 2 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt begrenzt, bei chronisch Kranken auf 1 Prozent. Ist die Grenze erreicht, stellt die Krankenkasse auf Antrag eine Befreiung für den Rest des Jahres aus. Sammeln Sie deshalb alle Quittungen.
Zuzahlung für den Pflegedienst
Übernimmt ein Pflegedienst das An- und Ausziehen als häusliche Krankenpflege, fällt eine eigene Zuzahlung an: 10 Prozent der Kosten, begrenzt auf die ersten 28 Tage der Inanspruchnahme im Kalenderjahr, zuzüglich 10 Euro je Verordnung. Wie sich das bei einer Dauerversorgung auswirkt, rechnet unser Ratgeber zur Behandlungspflege vor.
Privat versichert?
Private Krankenversicherungen erstatten Kompressionsstrümpfe und Anziehhilfen nach den Bedingungen des jeweiligen Tarifs. Ob und in welcher Höhe gezahlt wird, hängt vom Hilfsmittelkatalog im Vertrag ab. Klären Sie das vor dem Kauf schriftlich mit Ihrer Versicherung. Für Beihilfeberechtigte gelten zusätzlich die Beihilfevorschriften des Dienstherrn.
Übersicht: Wer zahlt was?
| Leistung | Kostenträger | Voraussetzung | Eigenanteil |
|---|---|---|---|
| Medizinische Kompressionsstrümpfe | Krankenkasse (§ 33 SGB V) | Ärztliche Verordnung | Zuzahlung 5–10 Euro je Hilfsmittel, ggf. Mehrkosten |
| An- und Ausziehhilfe | Krankenkasse (§ 33 SGB V) | Ärztliche Verordnung auf eigenem Rezept | Zuzahlung 5–10 Euro |
| An- und Ausziehen durch den Pflegedienst | Krankenkasse (§ 37 SGB V) | Verordnung häuslicher Krankenpflege, Einschränkung muss begründet sein | 10 % für max. 28 Tage im Jahr plus 10 Euro je Verordnung |
| Anziehen nicht verordneter Stütz- oder Antithrombosestrümpfe durch den Pflegedienst | Pflegekasse (Pflegesachleistung) | Pflegegrad ab 2 | Kosten oberhalb des Sachleistungsbetrags |
| Vermittelte 24-Stunden-Betreuung | Überwiegend privat, anteilig über Pflegegeld | Pflegegeld ab Pflegegrad 2 | Differenz zu den Gesamtkosten |
Welche Leistungen Ihnen mit Pflegegrad insgesamt zustehen und wie Sie ihn beantragen, erklärt unser Ratgeber Pflegegrad beantragen. Was eine 24-Stunden-Betreuung 2026 kostet, zeigt die Kostenübersicht zur 24-Stunden-Pflege.
Praxisbeispiele: So lösen Familien die Strumpffrage
Die folgenden Beispiele beruhen auf typischen Konstellationen. Namen und Details sind verändert.
Beispiel 1: Arthrose in den Händen – die Anziehhilfe macht den Unterschied
Frau Albers, 79, trägt seit Jahren Wadenstrümpfe der Klasse II wegen einer chronisch-venösen Insuffizienz. Seit die Arthrose in beiden Daumensattelgelenken zugenommen hat, schafft sie das Zurückkrempeln über die Ferse nicht mehr und lässt die Strümpfe immer öfter weg. Ihre Hausärztin verordnet eine Gestell-Anziehhilfe und Anziehhandschuhe. Im Sanitätshaus übt Frau Albers zweimal unter Anleitung. Seitdem zieht sie die Strümpfe wieder selbst an; die Zuzahlung für die Anziehhilfe beträgt 5 Euro.
Beispiel 2: Nach der Thrombose allein zu Hause
Herr Seidel, 81, erleidet eine tiefe Beinvenenthrombose und soll zur Vorbeugung eines postthrombotischen Syndroms einen Kompressionsstrumpf der Klasse II tragen. Er lebt allein, hat nach einer Hüftoperation eine eingeschränkte Beugung und erreicht den Fuß nicht. Der Arzt verordnet eine Anziehhilfe mit langen Griffen und für die Übergangszeit häusliche Krankenpflege. Der Pflegedienst zieht die Strümpfe drei Wochen lang morgens an und abends aus und leitet Herrn Seidel parallel im Umgang mit der Anziehhilfe an. Danach kommt er allein zurecht. Die Krankenkasse trägt beides; einen Pflegegrad hat Herr Seidel nicht.
Beispiel 3: Demenz, Lymphödem und eine erschöpfte Tochter
Frau Brandt, 84, lebt mit einer mittelschweren Alzheimer-Demenz und einem Lymphödem am rechten Bein, versorgt mit einem flachgestrickten Strumpf. Ihre Tochter zieht ihn jeden Morgen vor der Arbeit an, oft gegen Widerstand. Nach einem Gespräch mit der Ärztin wird das An- und Ausziehen wegen der starken Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit als häusliche Krankenpflege verordnet. Die Familie organisiert zusätzlich eine vermittelte Betreuungskraft, die morgens für einen ruhigen Ablauf sorgt, die Beine bis zum Besuch des Pflegedienstes hochlagert, das Frühstück vorbereitet und tagsüber Spaziergänge begleitet. Die Tochter ist morgens nicht mehr gebunden, und der Strumpf wird wieder zuverlässig getragen. Mehr zur Begleitung zu Hause lesen Sie im Ratgeber 24-Stunden-Pflege bei Demenz.
Beispiel 4: Ehepaar mit geteilter Aufgabe
Herr und Frau Nowak, beide Mitte 70, leben gemeinsam in ihrer Wohnung. Er trägt Schenkelstrümpfe der Klasse II und kann sich nach einem Schlaganfall mit halbseitiger Schwäche nur schwer vorbeugen. Frau Nowak ist körperlich fit und möchte helfen, hatte aber nach wenigen Wochen starke Rückenschmerzen. Die Lösung: Ein Pflegeberater zeigt ihr im Rahmen einer häuslichen Schulung nach § 45 SGB XI die Arbeit auf einem niedrigen Hocker und mit Gleithilfe. Herr Nowak schiebt den Fuß selbst in die Gleitsocke und hilft beim Hochziehen mit der gesunden Hand. Die Schmerzen von Frau Nowak gehen zurück. Was nach einem Schlaganfall sonst zu organisieren ist, beschreibt unser Ratgeber Pflegebedürftig nach Schlaganfall.
Pflege und Haltbarkeit: So bleiben die Strümpfe wirksam
Die Kompressionswirkung hängt vom elastischen Material ab. Richtige Pflege verlängert die Wirksamkeit bis zur nächsten Folgeversorgung.
Waschen und trocknen
- Möglichst täglich waschen: Hautschuppen, Schweiß und Talg setzen sich im Gestrick fest. Das Waschen bringt die Fasern außerdem wieder in Form.
- Pflegeetikett beachten: Die meisten Hersteller empfehlen Handwäsche oder Feinwäsche im Wäschenetz bei höchstens 40 Grad mit einem milden Feinwaschmittel.
- Kein Weichspüler: Er setzt sich auf den Fasern ab und mindert die Elastizität. Silikon-Haftbänder nicht mit Pflegeprodukten in Kontakt bringen und bei nachlassender Haftung mit einem feuchten, sauberen Tuch abwischen.
- Schonend trocknen: Strümpfe in ein Handtuch einrollen, ausdrücken und liegend trocknen lassen. Heizung, direkte Sonne und Hitze schaden dem Material. Ob ein Wäschetrockner erlaubt ist, steht auf dem Etikett.
Woran Sie erkennen, dass der Strumpf nachlässt
- Der Strumpf lässt sich auffällig leicht anziehen oder rutscht trotz passender Größe.
- Es bilden sich schneller Falten als zu Beginn.
- Das Material wird dünn, glänzend oder bildet Laufmaschen.
- Die Beine schwellen im Tagesverlauf wieder stärker an.
Laufmaschen und Löcher sollten Sie nicht selbst stopfen: Eine Naht verändert den Druck an dieser Stelle. Fragen Sie im Sanitätshaus nach, ob eine Reparatur möglich ist, oder lassen Sie sich eine Ersatzversorgung verordnen.
Messen lassen, wenn sich etwas verändert
Nehmen Sie deutlich ab oder zu, gehen Schwellungen durch eine Entstauungstherapie zurück oder verändern sich die Beschwerden, passt der alte Strumpf womöglich nicht mehr. Lassen Sie die Beine dann neu vermessen, statt einen schlecht sitzenden Strumpf weiterzutragen.
Häufig gestellte Fragen zum Anziehen von Kompressionsstrümpfen
Wie lange am Tag müssen Kompressionsstrümpfe getragen werden?
In der Regel vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Die genaue Tragedauer legt die Ärztin oder der Arzt fest, denn sie hängt von der Erkrankung ab. Wer tagsüber viel liegt, sollte das offen ansprechen: Kompression wirkt vor allem in Bewegung, und bei Bettlägerigkeit kann eine andere Versorgung sinnvoller sein.
Darf ich Kompressionsstrümpfe nachts tragen?
Normale Kompressionsstrümpfe für den Tag werden nachts ausgezogen, weil im Liegen der Rückfluss ohnehin erleichtert ist und der Druck ohne Muskelarbeit unangenehm werden kann. Ausnahmen gibt es: Bei Lymphödemen sieht die aktualisierte Leitlinie spezielle Nachtversorgungen vor, und bei Beingeschwüren wird manchmal ein dünner Unterziehstrumpf rund um die Uhr getragen. Tragen Sie Strümpfe nachts nur, wenn das ausdrücklich verordnet ist.
Was tun, wenn der Strumpf einschneidet, rutscht oder sich einrollt?
Einschneidende oder eingerollte Ränder wirken wie eine Schnürung und müssen sofort korrigiert werden. Häufige Ursachen sind eine falsche Größe, ein zu weit hochgezogener Strumpf, eingecremte Haut unter dem Haftband oder nachlassendes Material. Ziehen Sie den Strumpf aus, prüfen Sie die Haut und ziehen Sie ihn neu an. Passiert das wiederholt, lassen Sie im Sanitätshaus nachmessen.
Kann ich einen Kompressionsstrumpf über eine Wunde ziehen?
Nur nach ärztlicher Anweisung und nie über eine unversorgte Wunde. Offene Stellen werden zuerst fachgerecht verbunden. Bei einem venösen Beingeschwür kommen meist spezielle Ulkus-Strumpfsysteme oder Kompressionsverbände zum Einsatz, die auf die Wundversorgung abgestimmt sind. Die Wundversorgung selbst ist Behandlungspflege und gehört in die Hände eines Pflegedienstes oder eines Wundexperten.
Darf ich mit Kompressionsstrümpfen baden oder schwimmen?
Zum Baden und Duschen werden die Strümpfe ausgezogen. Chlor- und Salzwasser greifen die elastischen Fasern an. Wer regelmäßig Wassergymnastik macht, sollte im Sanitätshaus nach geeigneten Lösungen fragen und die Alltagsstrümpfe danach wieder trocken anziehen.
Sind Kompressionsstrümpfe bei Diabetes erlaubt?
Grundsätzlich ja, aber mit besonderer Vorsicht. Bei einer diabetischen Nervenschädigung werden Druckstellen oft nicht gespürt, und eine begleitende arterielle Durchblutungsstörung muss vorher ausgeschlossen werden. Lassen Sie die Durchblutung ärztlich prüfen und kontrollieren Sie Füße und Beine jeden Abend beim Ausziehen auf Rötungen, Blasen oder Druckstellen.
Bekomme ich eine Anziehhilfe auch bei Kompressionsklasse I auf Rezept?
Ja. An- und Ausziehhilfen sind unabhängig von der Kompressionsklasse verordnungsfähig, wenn eine körperliche Einschränkung das Anziehen erschwert. Sie werden auf einem eigenen Rezept verordnet und kosten Sie nur die gesetzliche Zuzahlung.
Brauche ich einen Pflegegrad, damit der Pflegedienst die Strümpfe anzieht?
Nein. Das An- und Ausziehen ärztlich verordneter Kompressionsstrümpfe ist eine Leistung der häuslichen Krankenpflege und wird von der Krankenkasse bezahlt. Entscheidend sind die ärztliche Verordnung und eine begründete Einschränkung, die das selbstständige Anziehen verhindert. Ein Pflegegrad ist dafür nicht erforderlich.
Darf eine 24-Stunden-Betreuungskraft meinem Vater die Strümpfe anziehen?
Ärztlich verordnete Kompressionsstrümpfe anzuziehen ist Behandlungspflege und gehört nicht zum Aufgabenbereich einer vermittelten Betreuungskraft. Das übernimmt der Pflegedienst auf Kosten der Krankenkasse oder eine angeleitete angehörige Person. Die Betreuungskraft kann aber Anziehhilfen anreichen, wenn Ihr Vater die Strümpfe selbst anzieht, die Beine hochlagern, zur Bewegung motivieren und Veränderungen an der Haut melden.
Was ist bei Flugreisen mit Kompressionsstrümpfen zu beachten?
Tragen Sie Ihre verordneten Strümpfe wie gewohnt, bewegen Sie während des Flugs regelmäßig Füße und Zehen und stehen Sie auf, wann immer es möglich ist. Packen Sie Gleithilfe und Handschuhe ins Handgepäck, falls Sie unterwegs neu anziehen müssen. Nach einer Thrombose oder bei hohem Risiko sollten Sie längere Reisen vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen.
Wann muss der Strumpf sofort wieder ausgezogen werden?
Bei Kribbeln, Taubheit, stechenden Schmerzen oder wenn Zehen kalt, blass oder bläulich werden. Druck auf den Nerv unterhalb des Knies an der Außenseite, am sogenannten Wadenbeinköpfchen, kann im schlimmsten Fall zu einer Schwäche beim Anheben des Fußes führen. Ziehen Sie den Strumpf aus, kontrollieren Sie die Haut und lassen Sie Sitz und Klasse ärztlich überprüfen, bevor Sie ihn erneut tragen.
Wie oft bekomme ich neue Kompressionsstrümpfe?
Zur Erstversorgung erhalten Sie zwei Paar. Danach ist in der Regel alle sechs Monate eine Folgeversorgung möglich, weil das Material bei täglichem Tragen an Wirkung verliert. Bei deutlichen Maßänderungen oder Verschleiß kann auch früher neu verordnet werden.
Fazit: Mit der richtigen Technik und Unterstützung bleibt die Therapie machbar
Kompressionsstrümpfe wirken nur, wenn sie jeden Tag getragen werden – und getragen werden sie nur, wenn das Anziehen gelingt. Die wichtigsten Stellschrauben sind der richtige Zeitpunkt direkt nach dem Aufstehen, die Umstülptechnik statt Zerren, gummierte Handschuhe und eine passende Anziehhilfe, die Sie auf Rezept bekommen.
Reicht das nicht aus, stehen Ihnen weitere Wege offen: leichter anzuziehende Alternativen wie Klettsysteme, die Anleitung von Angehörigen über einen Pflegekurs und das An- und Ausziehen durch einen Pflegedienst als häusliche Krankenpflege, die weder einen Pflegegrad voraussetzt noch Ihr Pflegebudget belastet. Wo der Alltag insgesamt nicht mehr allein zu bewältigen ist, kann eine vermittelte Betreuungskraft den Rahmen schaffen, in dem die Therapie wieder zuverlässig läuft. Einen Überblick über dieses Modell gibt unsere Seite zur 24-Stunden-Betreuung.
Rechtsgrundlagen und Quellen
- § 33 SGB V (Hilfsmittel), § 37 SGB V (häusliche Krankenpflege), § 61 SGB V (Zuzahlungen), § 62 SGB V (Belastungsgrenze)
- § 45 SGB XI (Pflegekurse für Angehörige)
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Häusliche-Krankenpflege-Richtlinie, Leistungsverzeichnis Nr. 31b
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Beschluss zur Kompressionstherapie ab Kompressionsklasse I
- GKV-Spitzenverband: Hilfsmittelverzeichnis, Produktgruppe 17 (Kompressionstherapie) und Produktgruppe 02 (Adaptionshilfen)
- AWMF-Leitlinienregister: S2k-Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten (037-005), Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie, Version 5.1, Juli 2026
- AWMF-Leitlinienregister: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie (065-002)
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche, pflegefachliche oder rechtliche Beratung. Über Kompressionsklasse, Strumpfform und Tragedauer entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt, über die Kostenübernahme die Krankenkasse. PflegeHeimat24 ist eine Vermittlungsagentur für häusliche Betreuung und nicht Arbeitgeberin der vermittelten Betreuungskräfte. Rechtsstand und inhaltliche Prüfung: September 2026.
