„Zeichnen Sie bitte eine Uhr und stellen Sie die Zeiger auf zehn nach elf.“ Mehr Anweisung braucht es nicht, und doch verrät die Zeichnung erstaunlich viel: ob jemand planen kann, wie gut räumliches Denken funktioniert und ob das Verständnis von Zeit noch trägt. Der Uhrentest ist, zusammen mit dem MMST Test und dem DemTect, einer der kognitiven Kurztests, mit denen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland am häufigsten prüfen, ob hinter Vergesslichkeit mehr stecken könnte.
Für Angehörige sind die Ergebnisse oft schwer einzuordnen. Was bedeuten 23 von 30 Punkten? Warum kann jemand im MMST unauffällig sein und trotzdem eine beginnende Demenz haben? Und warum zeichnet die Mutter eine perfekte Uhr, findet aber nicht mehr nach Hause? In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, und bei fast allen stand am Anfang der Diagnostik ein solcher Kurztest.
Dieser Ratgeber erklärt die gängigen kognitiven Tests im Detail: wie der Mini-Mental-Status-Test aufgebaut ist und ausgewertet wird, wie der Uhrentest bewertet wird, was im DemTect, im MoCA und im TFDD geprüft wird und welche Faktoren Ergebnisse verfälschen. Sie erfahren außerdem, was die Punktzahlen für Pflegegrad, Therapie und Alltag bedeuten und was sie ausdrücklich nicht bedeuten.
Das Wichtigste in Kürze
- Screening, keine Diagnose: MMST, Uhrentest, DemTect und MoCA zeigen, ob kognitive Leistungen auffällig sind. Ob eine Demenz vorliegt und welche Form, klären erst Anamnese, Untersuchung, Labor und Bildgebung.
- MMST mit 30 Punkten: Werte von 27 bis 30 gelten als unauffällig, 20 bis 26 entsprechen bei gesicherter Demenz meist einem leichten, 10 bis 19 einem mittelschweren und unter 10 einem schweren Stadium.
- Frühe Veränderungen entgehen dem MMST oft: Für leichte kognitive Störungen sind DemTect und MoCA empfindlicher, besonders bei Menschen mit hoher Bildung.
- Uhrentest ergänzt, ersetzt aber nicht: Er prüft Planung und räumliches Denken in wenigen Minuten, ist aber ebenfalls von Bildung und Sehvermögen abhängig.
- Kein Grenzwert für Pflegegrad oder Recht: Weder der Pflegegrad noch die Geschäftsfähigkeit richten sich nach einer Punktzahl. Testergebnisse sind aber hilfreiche Belege.
- Kassenleistung: Bei begründetem Verdacht übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung kognitive Tests und die weitere Diagnostik.
Was kognitive Tests leisten und wo sie eingeordnet werden
Kognitive Kurztests sind standardisierte Aufgabenreihen, die in 3 bis 15 Minuten einen Überblick über Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, Sprache und Planungsfähigkeit geben. Sie sind der erste Baustein einer Demenzdiagnostik, nicht ihr Ergebnis. Die S3-Leitlinie Demenzen der Fachgesellschaften DGPPN und DGN sieht vor, dass bei Verdacht auf eine Demenz eine orientierende Testung mit einem Kurztest erfolgt und die Diagnose anschließend durch Anamnese, körperliche und neurologische Untersuchung, Labor und Bildgebung gesichert wird. Bei unklaren Befunden folgt eine ausführliche neuropsychologische Testung.
Wie der gesamte Diagnoseweg abläuft, welche Blut- und Liquormarker es inzwischen gibt und wann eine Gedächtnisambulanz sinnvoll ist, erklärt der Ratgeber Demenz-Früherkennung. Welche Beobachtungen Angehörige selbst machen können und was Online-Selbsttests taugen, beschreibt der Beitrag Demenztests für Angehörige. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Tests selbst: Aufbau, Auswertung und Aussagekraft.
Die wichtigsten Kurztests im Überblick
| Test | Dauer | Punkte | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|---|---|
| MMST (Mini-Mental-Status-Test) | ca. 10 Minuten | 0 bis 30 | Weit verbreitet, gut für Schweregrad und Verlauf | Wenig empfindlich für frühe Veränderungen, bildungsabhängig |
| Uhrentest | 2 bis 5 Minuten | je nach Bewertungssystem | Schnell, erfasst Planung und räumliches Denken | Allein nicht aussagekräftig, abhängig von Sehen, Motorik und Bildung |
| DemTect | 8 bis 10 Minuten | 0 bis 18 | Deutsche Entwicklung, empfindlich für leichte Störungen, altersnormiert | Sagt nichts über die Ursache aus |
| MoCA (Montreal Cognitive Assessment) | 10 bis 15 Minuten | 0 bis 30 | Empfindlich für leichte kognitive Störung, prüft auch Exekutivfunktionen | Bildungsabhängig; offizielle Nutzung setzt eine Schulung voraus |
| TFDD | ca. 10 Minuten | 0 bis 50 (Demenzteil) | Enthält eine Einschätzung zur Abgrenzung von Depression | Weniger verbreitet als MMST und DemTect |
Der Mini-Mental-Status-Test (MMST)
Der Mini-Mental-Status-Test, international Mini-Mental State Examination (MMSE), wurde 1975 von Marshal F. Folstein, Susan E. Folstein und Paul R. McHugh veröffentlicht. MMST und MMSE bezeichnen denselben Test. Er ist weltweit der bekannteste kognitive Kurztest und ein Standardinstrument, um den Schweregrad einer Demenz einzuschätzen und den Verlauf zu dokumentieren. Ein „Goldstandard“ für die Diagnose ist er dagegen nicht: Er wurde als Screening entwickelt und erkennt frühe Stadien nur unzuverlässig.
Der MMST ist urheberrechtlich geschützt; die Rechte liegen beim US-Verlag Psychological Assessment Resources (PAR). Im Internet kursierende PDF-Versionen sind deshalb nicht immer autorisiert und weichen im Detail teilweise voneinander ab.
Aufbau: die Aufgaben im Einzelnen
| Bereich | Aufgabe | Punkte |
|---|---|---|
| Zeitliche Orientierung | Jahr, Jahreszeit, Monat, Datum und Wochentag nennen | 5 |
| Örtliche Orientierung | Bundesland, Ort, Stadtteil oder Landkreis, Gebäude und Stockwerk nennen | 5 |
| Merkfähigkeit | Drei Wörter nachsprechen, zum Beispiel „Apfel, Pfennig, Tisch“ | 3 |
| Aufmerksamkeit und Rechnen | Von 100 in Siebenerschritten rückwärts zählen (93, 86, 79, 72, 65) oder ein Wort rückwärts buchstabieren | 5 |
| Erinnern | Die drei Wörter von vorhin wiederholen | 3 |
| Benennen | Zwei gezeigte Gegenstände benennen, etwa Armbanduhr und Bleistift | 2 |
| Nachsprechen | Einen vorgegebenen Satz exakt wiederholen | 1 |
| Dreiteiliger Auftrag | Ein Blatt in die rechte Hand nehmen, falten und auf den Boden legen | 3 |
| Lesen und Befolgen | Die geschriebene Aufforderung „Schließen Sie die Augen“ lesen und ausführen | 1 |
| Schreiben | Einen vollständigen Satz schreiben | 1 |
| Abzeichnen | Zwei sich überschneidende Fünfecke abzeichnen | 1 |
| Gesamt | 30 | |
Die Untersuchung findet in ruhiger Umgebung statt, Brille und Hörgerät sollten getragen werden. Die Fragen werden wortgetreu nach Vorgabe gestellt, Hilfen sind nicht erlaubt. Schon kleine Abweichungen, etwa ein zusätzlicher Hinweis bei der Erinnerungsaufgabe, verändern das Ergebnis.
MMST Auswertung: Was die Punktzahl bedeutet
Die Punkte werden addiert. Für die Einordnung gibt es keine international einheitlichen Grenzen, gebräuchlich ist in Deutschland folgende Einteilung, wie sie auch in Leitlinien und Studien zur Schweregradbestimmung verwendet wird:
| MMST-Punkte | Einordnung | Was typischerweise folgt |
|---|---|---|
| 27 bis 30 | Unauffällig | Bei anhaltenden Beschwerden trotzdem empfindlichere Tests (DemTect, MoCA) oder neuropsychologische Testung |
| 20 bis 26 | Auffällig; bei gesicherter Demenz meist leichtes Stadium | Vollständige Diagnostik mit Labor und Bildgebung, Beratung zu Therapie und Vorsorge |
| 10 bis 19 | Mittelschweres Stadium | Therapieplanung, Pflegegrad, Unterstützung im Alltag organisieren |
| unter 10 | Schweres Stadium | Umfassende Betreuung und Pflege, palliative Aspekte berücksichtigen |
Häufig wird ein Wert unter 24 Punkten als Grenze für ein auffälliges Screening genannt. Wichtig ist: Die Stadieneinteilung gilt nur, wenn eine Demenz durch weitere Diagnostik gesichert ist. Ein Wert von 25 Punkten allein bedeutet keine Demenz, ein Wert von 29 Punkten schließt sie nicht aus.
Was das Ergebnis beeinflusst
- Bildung: Menschen mit langer Schul- und Berufsausbildung erreichen oft trotz beginnender Demenz 28 oder mehr Punkte. Menschen mit wenigen Schuljahren können dagegen ohne Demenz unter 24 Punkten liegen.
- Sprache: Wer Deutsch nicht als Muttersprache spricht, verliert Punkte bei Benennen, Nachsprechen, Lesen und Schreiben. Übersetzte Fassungen oder weniger sprachabhängige Verfahren sind dann besser geeignet.
- Sehen, Hören, Motorik: Schlechtes Sehen, ein fehlendes Hörgerät oder zitternde Hände, etwa bei Parkinson, senken den Wert ohne kognitive Ursache.
- Tagesform und akute Erkrankungen: Müdigkeit, Schmerzen, Fieber, Austrocknung, Beruhigungs- oder Schlafmittel und vor allem ein Delir verschlechtern das Ergebnis vorübergehend.
- Depression: Eine Depression kann Konzentration und Antrieb so stark beeinträchtigen, dass Testwerte wie bei einer Demenz aussehen.
- Übungseffekte: Wer den Test mehrfach in kurzen Abständen macht, erinnert sich an Aufgaben. Das kann eine Verschlechterung verdecken.
Der MMST im Verlauf
Seine größte Stärke hat der MMST in der Verlaufskontrolle. Bei der Alzheimer-Demenz wird häufig ein durchschnittlicher Rückgang von etwa zwei bis vier Punkten pro Jahr genannt, mit großen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen. Wiederholungen alle sechs bis zwölf Monate sind üblich, am besten durch dieselbe Praxis und unter vergleichbaren Bedingungen. Ein plötzlicher Abfall um mehrere Punkte innerhalb weniger Wochen passt nicht zum typischen Verlauf und sollte an ein Delir, einen Schlaganfall, eine Infektion oder Medikamentenwirkungen denken lassen. Wie sich die Stadien im Alltag zeigen, beschreibt der Ratgeber Verlauf der Demenz.
Der Uhrentest bei Demenz
Der Uhrentest, englisch Clock Drawing Test, ist der kürzeste der gebräuchlichen Tests und wird oft zusammen mit dem MMST durchgeführt. Er prüft mehrere Fähigkeiten gleichzeitig: das Verstehen der Aufgabe, Planung und Organisation, räumliches Denken, das Wissen um die Uhrzeit und die Fähigkeit, eine Handlung umzusetzen.
Durchführung
Je nach Variante erhält die Person ein leeres Blatt oder ein Blatt mit einem vorgedruckten Kreis. Sie soll die Zahlen eines Zifferblatts eintragen und die Zeiger auf eine vorgegebene Uhrzeit stellen, häufig „zehn nach elf“. Diese Uhrzeit ist bewusst gewählt: Die Zahl 10 steht im Satz, der Minutenzeiger muss aber auf die 2 zeigen. Wer die Aufgabe nicht in Uhrzeit übersetzen kann, zeichnet den Zeiger oft auf die 10.
Auswertung nach Shulman
Für die Bewertung gibt es mehrere Systeme. In Deutschland ist die Einteilung nach Shulman verbreitet, die sechs Stufen unterscheidet:
| Stufe | Beschreibung |
|---|---|
| 1 | Perfekte Uhr: Zahlen vollständig und richtig verteilt, Uhrzeit korrekt |
| 2 | Leichte räumliche Fehler, zum Beispiel ungleiche Abstände |
| 3 | Fehlerhafte Uhrzeit bei erhaltener Grundstruktur |
| 4 | Deutliche räumliche Desorganisation, Zahlen fehlen oder sind falsch angeordnet |
| 5 | Schwere Desorganisation, Uhr kaum erkennbar |
| 6 | Keine erkennbare Darstellung einer Uhr |
Ab Stufe 3 gilt das Ergebnis als auffällig. Andere Systeme vergeben Punkte für einzelne Merkmale; entscheidend ist, dass die Praxis dasselbe System im Verlauf beibehält.
Typische Fehler und was sie andeuten können
- Zahlen gedrängt auf einer Seite: Planung und Raumaufteilung gelingen nicht mehr.
- Zahlen über 12 hinaus oder fehlende Zahlen: Konzept des Zifferblatts ist unsicher.
- Zeiger auf „10“ und „11“: Die sprachliche Anweisung wird wörtlich umgesetzt statt in eine Uhrzeit übersetzt.
- Gleich lange Zeiger oder fehlende Zeiger: Unterscheidung von Stunde und Minute geht verloren.
- Digitale Uhrzeit statt Zeigern: Die Aufgabe wird nicht mehr im gemeinten Sinn verstanden.
Räumlich-konstruktive Fehler treten besonders häufig bei der Alzheimer-Demenz, der vaskulären Demenz und der Lewy-Körperchen-Demenz auf. Umgekehrt kann bei einer beginnenden frontotemporalen Demenz die Uhr noch einwandfrei gelingen, obwohl Verhalten und Urteilsvermögen bereits deutlich verändert sind. Der Uhrentest ist außerdem keineswegs bildungs- oder kulturunabhängig: Wer im Alltag kaum mit analogen Uhren umgeht oder wenig Übung im Zeichnen hat, schneidet schlechter ab.
Mini-Cog: Uhr plus drei Wörter
Der Mini-Cog kombiniert den Uhrentest mit dem Merken und Wiedergeben von drei Wörtern. Er dauert etwa drei Minuten und ergibt 0 bis 5 Punkte. Werte unter 3 gelten als Hinweis auf eine kognitive Störung. Er wird vor allem in Hausarztpraxen und Kliniken als schnelles Erstscreening genutzt.
DemTect: sensibel für frühe Veränderungen
Der DemTect wurde in Deutschland entwickelt und 2004 von Kalbe, Kessler und Kollegen veröffentlicht. Er ist darauf ausgelegt, schon leichte kognitive Störungen zu erkennen, und berücksichtigt das Alter: Die Rohwerte werden getrennt für Menschen unter und ab 60 Jahren in Testpunkte umgerechnet.
Die fünf Aufgaben
- Wortliste: Zehn Wörter werden vorgelesen und direkt wiederholt, in zwei Durchgängen.
- Zahlen umwandeln: Ziffern werden in Zahlwörter übertragen und Zahlwörter in Ziffern, etwa „209“ in „zweihundertneun“.
- Supermarkt-Aufgabe: In einer Minute möglichst viele Dinge nennen, die es im Supermarkt zu kaufen gibt.
- Zahlenfolge rückwärts: Immer längere Zahlenreihen in umgekehrter Reihenfolge wiederholen.
- Verzögerter Abruf: Die Wörter aus der ersten Aufgabe ohne erneutes Vorlesen nennen.
DemTect Auswertung
| Testpunkte (0 bis 18) | Einordnung |
|---|---|
| 13 bis 18 | Altersgemäße kognitive Leistung |
| 9 bis 12 | Leichte kognitive Beeinträchtigung; Kontrolle und weitere Abklärung empfohlen |
| 8 und weniger | Verdacht auf Demenz; Diagnostik erforderlich |
Weil der verzögerte Abruf und die Wortflüssigkeit ein großes Gewicht haben, zeigt der DemTect Veränderungen oft früher als der MMST. Er eignet sich deshalb gut, wenn Betroffene selbst oder Angehörige Veränderungen bemerken, der MMST aber noch unauffällig ist.
MoCA, TFDD und ausführliche Testbatterien
Montreal Cognitive Assessment (MoCA)
Der MoCA wurde 2005 von Ziad Nasreddine in Kanada vorgestellt. Er umfasst 30 Punkte und prüft neben Gedächtnis und Orientierung auch Exekutivfunktionen, etwa mit einem Verbindungstest, einem Würfel zum Abzeichnen, einer Uhr, Wortflüssigkeit und Abstraktion. Werte ab 26 gelten als unauffällig. Bei zwölf oder weniger Ausbildungsjahren wird ein Punkt addiert. Der MoCA erkennt leichte kognitive Störungen deutlich zuverlässiger als der MMST. Für die offizielle Nutzung verlangen die Rechteinhaber seit 2019 eine Schulung; Informationen gibt es auf der Website des MoCA.
TFDD: Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung
Der TFDD kombiniert einen Demenzteil mit bis zu 50 Punkten mit einer kurzen Einschätzung depressiver Symptome. Werte von 35 oder weniger im Demenzteil gelten als Hinweis auf eine Demenz. Sein Vorteil liegt darin, die häufige Frage „Demenz oder Depression?“ gleich mit aufzugreifen.
Ausführliche neuropsychologische Testung
Sind die Kurztests grenzwertig oder passt ihr Ergebnis nicht zum Alltag, folgt eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung, meist in einer Gedächtnisambulanz oder bei spezialisierten Neuropsychologinnen. Verbreitet ist die CERAD-Plus-Testbatterie, die Gedächtnis, Sprache, Wortflüssigkeit, räumliches Denken, Aufmerksamkeit und Umstellungsfähigkeit mit altersbezogenen Normwerten vergleicht. Eine solche Testung dauert je nach Umfang 45 Minuten bis mehrere Stunden und liefert ein Leistungsprofil, das Hinweise auf die Demenzform geben kann.
Fragebögen für Angehörige
Weil Tests nur eine Momentaufnahme sind, beziehen Ärztinnen und Ärzte die Beobachtungen von Angehörigen ein. Dafür gibt es standardisierte Fragebögen wie den IQCODE, in dem Angehörige einschätzen, wie sich Fähigkeiten im Alltag über die letzten zehn Jahre verändert haben. Zur Abgrenzung einer Depression wird häufig die Geriatrische Depressionsskala eingesetzt. Welche Warnsignale Angehörige beobachten sollten, zeigt der Ratgeber Anzeichen von Demenz.
Was ein auffälliges Ergebnis bedeutet und was nicht
Welche Ursachen hinter schlechten Testwerten stecken können
Ein auffälliger Test zeigt, dass die geistige Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist, nicht warum. Ein Teil der Ursachen ist behandelbar, deshalb gehören Labor und Untersuchung immer dazu:
- Delir durch Infekt, Austrocknung, Operation oder Medikamente
- Depression
- Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenunterfunktion, Elektrolytstörungen
- Nebenwirkungen von Medikamenten, etwa Beruhigungsmitteln oder bestimmten Blasen- und Allergiemitteln
- Unbehandelte Schwerhörigkeit, Sehstörungen, Schlafapnoe
- Normaldruckhydrozephalus, eine behandelbare Störung des Nervenwasserabflusses
- Alkoholbedingte Schäden (mehr im Ratgeber Alkoholdemenz)
Tests unterscheiden keine Demenzformen
Welche Demenzform vorliegt, lässt sich aus einer Punktzahl nicht ablesen. Das Muster der Fehler gibt Hinweise: Bei Alzheimer fällt vor allem der verzögerte Abruf schwer, bei vaskulärer Demenz eher Tempo und Planung, bei frontotemporaler Demenz Verhalten und Sprache. Die Zuordnung gelingt aber erst mit Bildgebung und gegebenenfalls Biomarkern. Einen Überblick über die Formen gibt der Beitrag Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz.
Tests und Therapieentscheidungen
Testergebnisse spielen für die Behandlung eine praktische Rolle. Antidementiva wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin werden je nach Schweregrad eingesetzt, der häufig über den MMST bestimmt wird. Sie können Symptome zeitweise lindern, den Krankheitsverlauf aber nicht aufhalten. Die seit 2025 in der EU zugelassenen Antikörper Lecanemab und Donanemab kommen nur im Stadium der leichten kognitiven Störung oder leichten Alzheimer-Demenz infrage und setzen weitere Untersuchungen voraus; Einzelheiten beschreibt der Ratgeber Demenz-Früherkennung.
Kognitive Tests, Pflegegrad und rechtliche Fragen
Pflegegrad: kein Punktwert entscheidet
Für den Pflegegrad bewertet der Medizinische Dienst nicht Testpunkte, sondern die Selbstständigkeit im Alltag in sechs Lebensbereichen (§ 15 SGB XI). Im Modul „kognitive und kommunikative Fähigkeiten“ prüft die Gutachterin etwa, ob jemand Personen erkennt, sich örtlich und zeitlich orientiert, Entscheidungen im Alltag trifft und Gesprächen folgen kann. Ärztliche Befunde mit Testergebnissen und Diagnose sind trotzdem wertvoll: Sie machen Einschränkungen nachvollziehbar, die sich im kurzen Begutachtungsgespräch hinter einer guten Fassade verbergen können. Legen Sie sie beim Termin bereit. Mehr dazu in den Ratgebern Pflegegrad bei Demenz, NBA-Punktesystem und MD-Begutachtung vorbereiten.
Geschäftsfähigkeit: keine Grenze in Punkten
Auch rechtlich gibt es keinen Testwert, ab dem jemand geschäftsunfähig wäre. Testergebnisse fließen aber in Gutachten ein, etwa wenn später ein Vertrag oder ein Testament angezweifelt wird. Ein dokumentierter Test zu einem Zeitpunkt, an dem noch Vorsorge getroffen wurde, kann dann sehr hilfreich sein. Einzelheiten erklärt der Ratgeber Geschäftsfähigkeit bei Demenz. Für das Autofahren gilt Ähnliches: Maßgeblich ist die Fahreignung, nicht ein einzelner Test (siehe Autofahren bei Demenz).
Kosten: Was die Krankenkasse übernimmt
Besteht ein begründeter Verdacht auf eine Demenz, übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Diagnostik. Das gilt für die Kurztests beim Hausarzt oder Facharzt, die Überweisung zur Neurologie oder Psychiatrie, die Laboruntersuchungen, MRT oder CT des Kopfes, eine neuropsychologische Testung in der Gedächtnisambulanz und bei Bedarf die Nervenwasseruntersuchung. Nicht generell übernommen werden dagegen Amyloid-PET-Untersuchungen und neue Bluttests auf Alzheimer-Marker außerhalb besonderer Indikationen. Selbst bezahlte Online-Tests oder „Gehirn-Checks“ ohne ärztliche Einbindung ersetzen keine Diagnostik. Privat Versicherte sollten die Kostenübernahme für Zusatzuntersuchungen vorher klären.
Beispiele aus der Praxis
Die folgenden Beispiele sind fiktiv, zeigen aber typische Konstellationen.
Unauffälliger MMST, auffälliger DemTect
Herr W., 70 Jahre, früher Ingenieur, bemerkt Wortfindungsstörungen und vergisst Verabredungen. Im MMST erreicht er 28 Punkte. Weil die Beschwerden anhalten, führt die Neurologin den DemTect durch: 10 Punkte, vor allem wegen des schwachen verzögerten Abrufs. Die weitere Diagnostik ergibt eine leichte kognitive Störung bei beginnender Alzheimer-Krankheit. Herr W. regelt anschließend seine Vorsorgevollmacht, solange seine Geschäftsfähigkeit außer Frage steht.
Plötzlicher Absturz im MMST
Frau B., 84 Jahre, mit bekannter leichter Demenz, erreicht bei der Kontrolle nur noch 15 statt wie vor einem halben Jahr 22 Punkte. Sie wirkt schläfrig und trinkt wenig. Die Hausärztin findet einen Harnwegsinfekt und eine Austrocknung. Nach der Behandlung liegt der MMST zwei Monate später wieder bei 21 Punkten. Ohne die Abklärung wäre der Einbruch leicht als rasches Fortschreiten der Demenz fehlgedeutet worden.
Gute Uhr, verändertes Verhalten
Frau K., 62 Jahre, zeichnet eine perfekte Uhr und erreicht im MMST 27 Punkte. Ihr Mann berichtet jedoch von Enthemmung, impulsiven Käufen und nachlassendem Mitgefühl. Erst die neuropsychologische Testung mit Fokus auf Exekutivfunktionen und die Bildgebung führen zur Diagnose einer frontotemporalen Demenz. Das Beispiel zeigt, warum die Schilderung der Angehörigen genauso wichtig ist wie der Test. Mehr zu Demenz in jüngerem Alter im Ratgeber Demenz mit 40.
So bereiten Sie den Termin vor
- Notieren Sie über zwei bis vier Wochen konkrete Beobachtungen mit Datum: Was ist passiert, seit wann, wie oft?
- Bringen Sie eine Liste aller Medikamente mit, auch rezeptfreier und pflanzlicher Mittel.
- Achten Sie darauf, dass Brille und Hörgerät mitgenommen und getragen werden.
- Vereinbaren Sie den Termin möglichst vormittags und nicht direkt nach einer anstrengenden Situation.
- Begleiten Sie Ihren Angehörigen, sprechen Sie Ihre Beobachtungen aber möglichst getrennt an, damit er sich nicht bloßgestellt fühlt.
- Üben Sie den Test vorher nicht. Übung verfälscht das Ergebnis und kann eine wichtige Diagnose verzögern.
Nach der Diagnose: nächste Schritte
Ein auffälliges Testergebnis mit gesicherter Diagnose ist ein Einschnitt, aber auch ein Ausgangspunkt. Jetzt lohnt es sich, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung zu regeln, einen Pflegegrad zu beantragen und Beratung zu nutzen. Anlaufstellen finden Sie im Ratgeber Beratung für Demenz-Angehörige. Wie sich geistige Fähigkeiten im Alltag gezielt fördern lassen, zeigt der Beitrag Übungen bei Demenz.
Mit Pflegegrad stehen Leistungen der Pflegekasse zur Verfügung, darunter:
| Leistung 2026 | Höhe |
|---|---|
| Pflegegeld | 347 € (PG 2), 599 € (PG 3), 800 € (PG 4), 990 € (PG 5) monatlich |
| Pflegesachleistung | 796 € (PG 2), 1.497 € (PG 3), 1.859 € (PG 4), 2.299 € (PG 5) monatlich |
| Entlastungsbetrag | 131 € monatlich, ab Pflegegrad 1 |
| Gemeinsamer Jahresbetrag für Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege | 3.539 € jährlich, ab Pflegegrad 2 |
| Zuschuss zur Wohnraumanpassung | bis zu 4.180 € je Maßnahme |
Wenn ein Mensch mit Demenz nicht mehr allein bleiben kann, ist eine 24-Stunden-Betreuung durch eine vermittelte Betreuungskraft eine Möglichkeit, im vertrauten Zuhause zu bleiben. Sie kostet 2026 marktüblich 2.400 bis 3.900 Euro monatlich; das Pflegegeld lässt sich vollständig einsetzen. Details finden Sie in den Ratgebern 24-Stunden-Pflege bei Demenz und Kosten der 24-Stunden-Pflege 2026.
Häufig gestellte Fragen zu kognitiven Tests bei Demenz
Was ist der Unterschied zwischen MMST und MMSE?
Es gibt keinen. MMST ist die deutsche Abkürzung für Mini-Mental-Status-Test, MMSE die englische für Mini-Mental State Examination. Der Test wurde 1975 von Marshal F. Folstein, Susan E. Folstein und Paul R. McHugh veröffentlicht und umfasst 30 Punkte.
Ab wie vielen Punkten im MMST besteht Verdacht auf Demenz?
Häufig gilt ein Wert unter 24 Punkten als auffällig. Bei gesicherter Demenz entsprechen 20 bis 26 Punkte meist einem leichten, 10 bis 19 einem mittelschweren und unter 10 einem schweren Stadium. Bildung, Sprache, Seh- und Hörvermögen und die Tagesform beeinflussen das Ergebnis, deshalb ist ein einzelner Wert nie eine Diagnose.
Kann ein unauffälliger MMST eine Demenz ausschließen?
Nein. Gerade im Frühstadium und bei Menschen mit hoher Bildung bleibt der MMST oft unauffällig. Halten die Beschwerden an, sind empfindlichere Tests wie DemTect oder MoCA und gegebenenfalls eine ausführliche neuropsychologische Testung sinnvoll.
Wie wird der Uhrentest ausgewertet?
Verbreitet ist die Einteilung nach Shulman in sechs Stufen von 1 (perfekte Uhr) bis 6 (keine erkennbare Uhr). Ab Stufe 3 gilt das Ergebnis als auffällig. Typische Fehler sind ungleich verteilte oder fehlende Zahlen, falsch gestellte Zeiger und Zeiger auf „10“ und „11“ bei der Aufgabe „zehn nach elf“.
Was bedeutet ein DemTect-Ergebnis von 9 bis 12 Punkten?
Werte von 9 bis 12 sprechen für eine leichte kognitive Beeinträchtigung. Sie sollten ärztlich weiter abgeklärt und nach einigen Monaten kontrolliert werden. 13 bis 18 Punkte gelten als altersgemäß, 8 und weniger als Verdacht auf Demenz.
Ist der MoCA besser als der MMST?
Für frühe Veränderungen ja. Der MoCA prüft zusätzlich Exekutivfunktionen und erkennt leichte kognitive Störungen zuverlässiger. Der MMST eignet sich dagegen gut zur Einschätzung des Schweregrads und für Verlaufskontrollen bei bereits bekannter Demenz.
Kann ich den MMST zu Hause selbst durchführen?
Davon ist abzuraten. Die korrekte Durchführung und Bewertung erfordert Übung, und frei verfügbare Versionen sind nicht immer autorisiert. Zudem kann Üben das spätere Ergebnis beim Arzt verfälschen. Besser ist es, Beobachtungen zu notieren und einen Termin in der Hausarztpraxis zu vereinbaren.
Wie oft sollte der Test wiederholt werden?
Zur Verlaufskontrolle sind Abstände von sechs bis zwölf Monaten üblich. Ein plötzlicher Abfall um mehrere Punkte in kurzer Zeit passt nicht zum typischen Verlauf und sollte rasch ärztlich abgeklärt werden, etwa auf ein Delir oder einen Infekt.
Zählt das MMST-Ergebnis für den Pflegegrad?
Nicht direkt. Der Medizinische Dienst bewertet die Selbstständigkeit im Alltag, nicht Testpunkte. Ärztliche Befunde mit Diagnose und Testergebnissen helfen aber, kognitive Einschränkungen nachvollziehbar zu machen, und sollten zur Begutachtung bereitliegen.
Zahlt die Krankenkasse kognitive Tests?
Ja, bei begründetem Verdacht auf eine Demenz übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Tests und die weitere Diagnostik wie Labor, Bildgebung und neuropsychologische Testung. Neue Alzheimer-Bluttests und Amyloid-PET werden nicht generell übernommen.
Fazit: Tests geben Hinweise, Menschen stellen die Diagnose
MMST, Uhrentest, DemTect und MoCA sind wertvolle Werkzeuge. Sie machen Veränderungen messbar, helfen bei der Einschätzung des Schweregrads und dokumentieren den Verlauf. Ihre Grenzen sind aber ebenso wichtig: Kein Kurztest erkennt jede beginnende Demenz, keiner benennt die Ursache, und jeder wird von Bildung, Sprache, Sinnen und Tagesform beeinflusst.
Für Angehörige heißt das: Nehmen Sie Beobachtungen ernst, auch wenn ein Test unauffällig war, und lassen Sie sich von einem schlechten Wert nicht vorschnell entmutigen, bevor behandelbare Ursachen ausgeschlossen sind. Die Kombination aus Test, ärztlicher Untersuchung und Ihrer Schilderung aus dem Alltag führt zur richtigen Diagnose und damit zu den passenden Hilfen.
Quellen und weiterführende Informationen
- DGPPN und DGN: S3-Leitlinie Demenzen, AWMF-Registernummer 038-013
- Folstein MF, Folstein SE, McHugh PR: „Mini-Mental State“. Journal of Psychiatric Research 1975
- Kalbe E, Kessler J et al.: DemTect. International Journal of Geriatric Psychiatry 2004
- Nasreddine ZS et al.: The Montreal Cognitive Assessment. Journal of the American Geriatrics Society 2005; mocacognition.com
- Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Informationen und Gedächtnisambulanzen, Alzheimer-Telefon 030 259 37 95 14
- Sozialgesetzbuch XI: § 15 SGB XI (Ermittlung des Pflegegrades)
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Kognitive Tests sollten durch geschultes Fachpersonal durchgeführt und immer im Zusammenhang mit Anamnese, Untersuchung und weiterer Diagnostik bewertet werden. Die genannten Punktgrenzen sind gebräuchliche Richtwerte. Die Fallbeispiele sind fiktiv. Leistungs- und Kostenangaben entsprechen dem Stand September 2026. PflegeHeimat24 ist eine Vermittlungsagentur und nicht Arbeitgeberin der vermittelten Betreuungskräfte. Bei Verdacht auf eine Demenz wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis oder eine Fachärztin für Neurologie oder Psychiatrie. Stand: September 2026
